Bauen & Wohnen

Wie werden wir in Zukunft wohnen?

Im Gespräch mit Zukunftsforscher Reinhold Popp stehen die Fragen, wie wird sich das Wohnen entwickeln und welche Trends erwarten uns, im Mittelpunkt.

Unser Zuhause genießt als Wohlfühlzone einen hohen Stellenwert in unserem Leben. Das werde sich auch künftig nicht ändern, meint Zukunftsforscher Reinhold Popp. Großen Einfluss auf unser Wohnverhalten werde künftig aber die Digitalisierung zeigen.

SN: Von welchem Zeitraum sprechen wir, wenn wir über die Zukunft des Wohnens sprechen?
Reinhold Popp: Hier ist es sehr wichtig, eine Unterscheidung zu treffen, nämlich zwischen der Nutzungsdauer eines Wohngebäudes und dem menschlichen Sozialverhalten beim Wohnen: Bei Zweiterem sind Prognosen, die über zwanzig oder fünfundzwanzig Jahre hinausgehen, offen gesagt nicht viel mehr als ein Kaffeesudlesen.
SN: Welche großen Veränderungen zeichnen sich in diesem Zeitraum ab?
Der wahrscheinlich wichtigste Einfluss auf unsere zukünftigen Wohn- und Lebenswelten geht von der kontinuierlichen digitalen Durchdringung aus. Die Wohnungen der Zukunft werden noch mehr als heute schon zu multifunktionalen Kommunikationszentralen werden. Bereits jetzt sind Geldgeschäfte, Behördenkontakte, aber auch die Partnersuche von zu Hause aus möglich, vom Einkaufen im Internet einmal ganz abgesehen. Ein ganz wesentlicher Bereich ist auch das Arbeiten von zu Hause aus: Mit den Möglichkeiten der modernen Medien und des Internets können immer mehr Arbeiten an jedem beliebigen Ort und auch zu Hause verrichtet werden. Es spricht vieles dafür, dass sich diese Entwicklung dynamisch fortsetzt. Ebenso zeichnet sich ab, dass E-Learning ein Bereich werden wird, der immer öfter ohne Lehrer und von zu Hause aus funktionieren wird.

SN: Wird das "Smart Living" zum Standard beim Wohnen werden?
Es ist davon auszugehen, dass die große Mehrheit der Wohnungen und Wohnhäuser künftig elektronische Schaltzentralen für die Steuerung von Heizung, Lüftung, Beschattung, Beleuchtung und Brandschutz hat. Immer wichtiger wird in diesem Zusammenhang auch das Thema Sicherheit: Die Zeiten der immer und überall offenen Haustüren sind selbst im ländlichen Raum vorbei.

SN: Sehen Sie in dieser Entwicklung einen Rückzug in die Privatheit? Ein neues Biedermeier?
Da muss man vorsichtig sein: Ich würde die umfassenden technischen und digitalen Möglichkeiten, die die eigene Wohnung bietet, nicht automatisch mit einem Rückzug gleichsetzen oder beides hundertprozentig miteinander verknüpfen. Es gibt auch sehr viele sehr weltoffene Menschen, die einfach sehr viel daheim sein wollen. Nicht jeder, der von zu Hause aus arbeitet oder viel zu Hause ist, muss dann auch automatisch jemand sein, der eine Biedermeierhaltung einnimmt.

SN: Davon ausgehend, dass von der eigenen Wohnung aus eigentlich alles möglich ist, wäre es ja eigentlich egal, wo man wohnt. Kommt mit der digitalen Evolution auch das Ende der Landflucht?
Das Prinzip "My home is my office" wird zwar für immer mehr Menschen bedeutsam werden - aber nicht für alle Bereiche der Arbeitswelt realisierbar. Ganz einfach deshalb, weil viele Berufe nicht ohne regelmäßige persönliche Kontakte zu Menschen funktionieren.

Es gibt letztlich nicht so viele Jobs, die man komplett und zur Gänze von daheim aus und ohne persönliche Interaktionen bewerkstelligen könnte. So gesehen glaube ich nicht an die Renaissance des ländlichen Raums durch die digitale Entwicklung. Der urbane Raum bleibt weiterhin eine Machtzentrale und ein bestimmender Raum.

SN: Aber es gibt eine Sehnsucht nach dem ländlichen Raum als Wohnort?
Die Fakten zeigen etwas anderes. Menschen kommen nach wie vor in die Städte und sie werden auch weiterhin der Arbeit nachziehen. Es ist davon auszugehen, dass urbane Räume auch in Zukunft nicht an Wichtigkeit und Bedeutung verlieren werden.

Der Traum vom Einfamilienhaus im Grünen mit der nahen Arbeit in der Stadt ist nur für eine sehr kleine Minderheit ökonomisch realisierbar.

SN: Stichwort Minimalismus beim Wohnen: Wird es eine Trendumkehr hin zu weniger Wohnraumverbrauch geben?
Gerade bei den Wohnungsgrößen sind in den letzten Jahrzehnten eindeutige Veränderungen sichtbar geworden. Während eine fünfköpfige Familien noch in der Nachkriegszeit ganz selbstverständlich auf 45-50 Quadratmetern gelebt hat, erscheint das aus heutiger Sicht nahezu unmöglich. Die meisten Menschen haben zwar ein breites Grundverständnis für ökologische Themen, das aber doch endend wollend ist, wenn es sozusagen um das Eingemachte geht.

Insofern glaube ich, dass ein anderer sozialpsychologischer Mechanismus stärker greift, nämlich das Phänomen des Vergleichs. Wir als Sozialwesen vergleichen permanent und das spielt sich natürlich auch bei Wohnungsgrößen, Höhen der Gehälter, Art des Autos usw. ab. Es gibt meiner Ansicht nach nur ganz wenige Menschen, die über einen so so gigantischen moralischen Apparat verfügen, dass sie ganz freiwillig auf Wohnraum verzichten.

SN: Wird das Wohnen der Zukunft flexibler auf die Brüche und Veränderungen in den Lebensstilen reagieren?
Das ist zwar noch kein Trend, aber auf jeden Fall eine Herausforderung, einstweilen sehe ich hier noch keine Lösungsansätze. Und auch beim institutionellen Bauen - keine Tendenz in diese Richtung. Es ist auch unglaublich schwierig, hier Lösungen zu finden. Die meisten Menschen denken nicht an langfristige Zukünfte. Niemand denkt mit 30 daran, dass er mit 75 oder 80 Probleme mit dem Treppensteigen haben könnte. Das auszublenden ist aber auch ganz normal.

SN: Werden die Menschen in der Zukunft mobiler werden, was ihre Wohnorte betrifft?
Wenn man sich die empirischen Daten anschaut, spielt diese Flexibilität derzeit noch keine so dominante Rolle, wird aber tendenziell größer. Im Moment ist es noch so, dass die meisten Österreicherinnen und Österreicher gerne dort leben und auch bleiben, wo sie aufgewachsen sind. Dass Menschen ganz woandershin übersiedeln, wird nach meiner Einsicht so bald zu keinem Massenphänomen werden.

Quelle: SN

Aufgerufen am 23.04.2019 um 02:18 auf https://immo.sn.at/immo-ratgeber/bauen-wohnen/wie-werden-wir-in-zukunft-wohnen-65248582

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