Bauen & Wohnen

Wie schafft man mehr Wohnraum ohne Lebensqualität zu verlieren?

Der Zuzug in große Städte hält an. Mehr Wohnraum bei gleichzeitigem Erhalt der Lebensqualität ist mit Verdichtung erreichbar.

Verdichtung in Großstädten ist in die Höhe, Breite oder durch Auf- bzw. Umzonung möglich.  SN/avoris
Verdichtung in Großstädten ist in die Höhe, Breite oder durch Auf- bzw. Umzonung möglich.

Die Städte wachsen. Bis 2050 sollen fast 70 Prozent der Weltbevölkerung in urbanisierten Räumen leben. Die Folge: Städte verdichten sich, die Ressource Boden wird knapp und Wohnräume werden immer begehrter und teurer. Wien, schon zum zehnten Mal als Stadt mit der höchsten Lebensqualität weltweit ausgezeichnet, ist von dieser Entwicklung natürlich genauso betroffen. Gleichzeitig werden die Klimaveränderungen ein immer größeres Thema. Das stellt die Stadtplaner vor eine neue Herausforderung: Wie schafft man mehr Wohnraum und erhält dabei die Lebensqualität? Die Schaffung von Wohnraum bedeutet die Gestaltung von Lebensraum. Vor dem Hintergrund der skizzierten urbanen Verdichtung - den immer komplexer werdenden Anforderungen an die Lebensraumgestaltung in Städten - wird die umfassende und nachhaltige Planung dieses Wohnraums immer wichtiger. "Urbanen Wohnraum zu entwickeln bedeutet, den Lebensraum vieler zu beeinflussen und ein Zuhause für die Zukunft zu schaffen", sagt Peter Wiesinger, Gründer des Immobilienentwicklers Avoris.

Städte können in die Höhe und in die Breite wachsen. Das kann der innerstädtische Ausbau auf dem Dach sein, die Erweiterung am Stadtrand sowie die Umwidmung und Aufzonung nicht mehr genutzter innerstädtischer Areale, wie es oft bei alten Bahnhöfen oder Industriegebieten der Fall ist. Möchte man bei bestehenden Häusern in die Höhe nachverdichten, kann man das Dachgeschoß ausbauen. Hier gibt es in Wien klare Regeln: Für jedes Grundstück besagen Richtlinien, in welchem Umfang ausgebaut werden darf. Diese Vorgaben sind in der Bauordnung und der Flächenwidmung festgeschrieben.

Wird das Dachgeschoß eines Zinshauses ausgebaut, so geht das oft mit einer Komplettsanierung des gesamten Hauses einher. Ein Lift und private Freiflächen werden zugebaut, Gang-WCs verschwinden, Raumaufteilungen werden überdacht und an zeitgemäße Bedürfnisse angepasst, Funktionsräume wie Kinderwagen-, Fahrrad- und Müllraum werden geschaffen. Vom Fundament über die komplette Haustechnik bis hin zu modernen Energiesystemen wird ein Haus fit für die Zukunft gemacht. Auf diese Weise schafft ein Dachausbau nicht nur modernen Wohnraum für neue Bewohner, sondern erhöht auch für die bestehenden Bewohner des Hauses die Lebensqualität. Der städtische Raum für Wachstum und Nachverdichtung in die Höhe ist jedoch begrenzt. Viele Dachgeschoße in Wien wurden in den vergangenen Jahrzehnten bereits ausgebaut. Auch Graz ist stark am Wachsen. Verdichtung findet aber eher am Stadtrand statt.

"Das Wichtigste, um lebenswertes Wohnen zu ermöglichen, ist, immer das Grätzl im Blick zu behalten", betont Wiesinger. Ein gut durchdachtes Gesamthaus und eine attraktive Wohnung, die die eigenen Wohnbedürfnisse erfüllt, sollten Grundvoraussetzung sein. Was darüber hinaus die Lebensqualität entscheidend beeinflusst, ist der Grätzlcharakter. Also kleinteilige, beinahe dörflich anmutende Strukturen mit dem Greißler ums Eck, dem Lieblingslokal quer über die Straße, einer guten Anbindung und lebendigen, öffentlichen Plätzen. Bestenfalls sind diese Strukturen bereits vorhanden und werden bei der Immobilienentwicklung genutzt.

Manchmal aber müssen sie erst geschaffen werden. Oft sind in der Flächenwidmung eines Grundstücks gemischte Nutzungen vor allem in den Erdgeschoß-Bereichen bereits vorgesehen. Ein ausgewogener Mix von Wohnen, Gewerbe, Einzelhandel, Büros und Lokalen ist immer ein entscheidender Faktor für das persönliche Wohlfühlen, aber auch für die komplette Entwicklung eines Viertels. Beispiel: "G'mischter Block". Das Projekt befindet sich unweit des neu entwickelten Areals rund um den Wiener Hauptbahnhof, also in Favoriten, einem Bezirk, der für viele polarisierend ist. Zurzeit befindet sich das Grundstück in Umwidmung. Die daraus resultierende Flächenwidmung bildet die Basis der Detailplanung. Das Konzept umfasst die Errichtung eines mehrgeschoßigen Neubaus mit allen damit verbundenen Vorteilen. Dazu kommt eine komplette Neustrukturierung der Flächen mit einer zeitgemäßen Raumaufteilung in den Wohnungen, privaten Freiflächen, gemeinschaftlich genutzten Begegnungszonen und einem durchgängigen Grünkonzept, um das Haus für die Klimaherausforderungen zu wappnen. Die gewünschte Mischnutzung sieht Büros oder einen Kindergarten vor, in der Erdgeschoß-Zone soll der Vertrieb von regionalen Produkten gefördert werden. Dort soll auch die Nachbarschaft zu Veranstaltungen zusammenkommen können.

Schafft ein Entwickler neben attraktivem Wohnraum belebende Strukturen, so ziehen Menschen auch in bislang nicht stark belebte oder beliebte Teile der Stadt. Dieser Zuzug prägt wiederum den Charakter des Grätzls und verändert ihn meist auf eine sehr lebendige Art zum Positiven.

Alteingesessene stehen diesen Veränderungen zu Beginn oft etwas skeptisch gegenüber, letztendlich überwiegen auch für sie die angenehmen Aspekte des Wandels. Das Fazit: Gut durchdachtes Wachstum mit kleinteiligen Lebensstrukturen gewährleistet Lebensqualität. Mehr Wohnraum bei gleichzeitig hoher Lebensqualität kann durch unterschiedliche Formen der Verdichtung - in die Höhe, in die Breite sowie durch Aufzonung - möglich sein. Entscheidend ist, auch immer das große Ganze im Blick zu haben und die Strukturen eines Grätzls mitzubeleben und aufzuwerten. Nur durch Leben entsteht ein "Zu-Hause-Gefühl" in einem Bezirk. Durch strukturiertes, gut durchdachtes Wachstum der Stadt, das das kleinteilige, grätzlhafte Leben der Menschen mit all ihren Bedürfnissen inkludiert, kann Lebensqualität nicht nur erhalten, sondern auch in neu entwickelte Gebiete transformiert werden. Wiesinger: "Eine Stadt ist ein Organismus und ständig im Wandel."

Quelle: SN

Aufgerufen am 14.11.2019 um 06:01 auf https://immo.sn.at/immo-ratgeber/bauen-wohnen/wie-schafft-man-mehr-wohnraum-ohne-lebensqualitaet-zu-verlieren-77657230

Kommentare

Schlagzeilen