Bauen & Wohnen

Verpflichtung zur "Zentralheizung" - Holprige Energiewende

Die Umstellung weg von fossilen Energieträgern führt zu einem Zentralisierungsgebot. Der Zwang zur "Zentralheizung" birgt aber viele Fallen und Ungerechtigkeiten.

Problemfall Zinshaus: Die Umsetzung der Energiewende verläuft holprig. SN/bernhard schreglmann
Problemfall Zinshaus: Die Umsetzung der Energiewende verläuft holprig.

Nachhaltige Gebäudesanierung ist ein komplexes Feld. "Wir haben schon vor zwei Jahren dafür Kurse für Verwalter angeboten", sagt Udo Weinberger, Vorstand des ÖVI (Österreichischer Verband der Immobilienwirtschaft). "Wir brauchen aber gesetzliche Grundlagen und da fehlen noch technische Alternativen und Konzepte."

Wollen Hauseigentümer, vor allem in dicht verbauten Gebieten wie in Wien, umsteigen, so stoßen sie im ersten Schritt auf ein Problem des Arbeitsmarkts. "Wir brauchen dringend Fachkräfte für Heizung- und Klimatechnik. Hier sollte die Ausbildung für junge Menschen forciert werden." Es gebe viele Eigentümer, die auf Photovoltaik, Erdwärme etc. umsteigen wollten, aber ein Jahr auf einen ersten Besichtigungstermin warten müssten, kritisiert Weinberger.

Geplantes "Zentralisierungsgebot" bei der Energieversorgung

Beim Erneuerbare-Wärme-Gesetz (EWG) sei die Begutachtung abgeschlossen, spannend für Weinberger sei, wie aus den fossilen Energieträgern ausgestiegen werden soll - und vor allem, wie man umsteigen wird können, wenn eine Erneuerung ansteht. Er kritisiert in diesem Zusammenhang vor allem das geplante "Zentralisierungsgebot". Demnach müsse bei Wohngebäuden, in denen jede Wohnung ihr eigenes Energiesystem hat, etwa auf Fernwärme umgestiegen werden. Das bedeute eine Verpflichtung zur "Zentralheizung".

Weinberger: "Ziel des Gesetzgebers ist es, die Wärmeversorgung von Gebäuden auf erneuerbare Energieträger umzustellen. Auch wenn die Umrüstung auf eine zentrale Wärmeversorgung in vielen Fällen eine bevorzugte Option darstellen wird, muss und soll die Entscheidung darüber, ob diese Anforderung in Form von dezentralen oder zentralen Wärmeversorgungslösungen geschehen soll, den Verfügungsberechtigten vorbehalten bleiben."

Gerade in Wien, wo viele Gasetagenheizungen im Einsatz sind, gebe es oft wenige Alternativen. Bei der Fernwärme stoße man auch auf Kapazitätsengpässe. Weinberger: "In der aktuellen energiepolitischen Situation ist den Eigentümerinnen und Eigentümern der Umstieg zum Beispiel von Gasetagenheizung auf Fernwärme, die zu mindestens 60 Prozent ebenfalls mit Gas betrieben wird, vielfach schwer plausibel zu machen." Zusätzlich stelle sich die Frage, was mit den Kosten jener Eigentümer geschehe, die schon ihr Energiesystem umgestellt haben.

"Hat ein Zinshaus nur einen Eigentümer, dann tut der sich noch relativ leicht." Ab zwei Eigentümern werde die Entscheidungsfindung schon schwieriger. Dazu kommt, dass auch die Mieter Nein sagen können. "Da kann es dann dazu kommen, dass die Gasleitung erhalten bleiben muss, weil ein Mieter mit Gas kocht", erzählt Weinberger aus der Praxis.

Besonders kompliziert: Gebäuden mit Wohnungseigentum

"Sie sind mögliche Verlierer in der Entscheidungsfindung", sagt der Experte. "Denn manche haben vielleicht schon Maßnahmen ergriffen, etwa eine Luftwärmepumpe auf der Terrasse oder eine PV-Anlage auf dem Dach des Reihenhauses." Es gebe zwar die Möglichkeit, sich aus dem Zwang zu Zentralisierung heraus zu optieren, das "geht aber nur, wenn alle Eigentümer sich einstimmig dagegen aussprechen". Und auf noch ein Problem, vor allem in Wien, macht Weinberger aufmerksam: Die Anschlussverpflichtung sei im Gesetz zu harmonisieren. Denn einen Fernwärmeanschluss in Wien gebe es nur, wenn gleich 80 Prozent des Gebäudes daran hängen.

Dass die Gemengelage bei der nachhaltigen Gebäudesanierung sehr kompliziert ist und noch mehr wird, darauf weist auch Anton Holzapfel, Geschäftsführer des ÖVI, hin: "Derzeit wird die EU-Gebäuderichtlinie angepasst, sie soll es ab 2025 geben. Allerdings sind die Inhalte und Vorgaben sehr umstritten." Fix sei, dass sich beim Energieausweis einiges verändern werde. Holzapfel: "In der österreichischen Praxis der Baubehörden sind die bestehenden Regelungen, etwa die Erreichung energietechnischer Mindestanforderungen bei umfassenden Sanierungen ab 25 Prozent der Gebäudehülle oder 25 Prozent des Gebäudewerts, oft noch nicht konsequent verfolgt. Dennoch, dort gilt es anzusetzen, bevor die Freiheit des Eigentums durch ein Umstellungsgebot deutlich eingeschränkt wird."

Nur Anreizsystem kann Umstieg auf erneuerbare Energien ermöglichen

Etwas stößt dem ÖVI-Verantwortlichen sauer auf: "Vizekanzler Werner Kogler ließ vor Kurzem mit einem Vorschlag aufhorchen, der Vermieterinnen und Vermietern vor allem in der Großstadt Wien schlaflose Nächte bereiten wird. In verschiedenen Medien wird der Vizekanzler mit der Botschaft zitiert, dass Mietern, die keine Alternative zur Gasheizung haben, ein 25-prozentiger Abschlag auf den Richtwertmietzins zugestanden werden soll", erklärt Weinberger. "Denn diese Mieter haben ja keine Alternative, sie selber können einen Ausstieg aus Gas ja nicht bewirken, das kann nur der Vermieter." Keine Denkverbote fordert diesbezüglich der ÖVI. "Die aktuellen wohnrechtlichen Bestimmungen und die aktuelle Judikatur sind der größte Hemmschuh für den Vermieter, ein Dekarbonisierungsprojekt anzugehen", sagt ÖVI-Geschäftsführer Holzapfel. "Anstatt sich Gedanken über diese Themen zu machen, wird eine weitere Belastung der ,bösen' Vermieterinnen und Vermieter geprüft. Nur ein Anreizsystem kann den Umstieg möglich machen."

Mietrechtliche flankierende Maßnahmen wie etwa die in Deutschland übliche Modernisierungsumlage oder die Mietzinsbildung nach den Regelungen des angemessenen Mietzinses für energietechnisch optimierte Gebäude seien zu überlegen. "Der Vizekanzler ist hier ist in einem Zielkonflikt, wenn er den CO2-Ausstoß verringern will und gleichzeitig an einen Mietendeckel denkt", kritisiert Holzapfel. "Die Energiewende schaffen wir nur gemeinsam. Einmal mehr zeigt sich, dass der historisch fehlkalkulierte Richtwert in den viel zitierten Gründerzeitvierteln in Wien Investitionen verhindert, statt zu ermöglichen."

Eine Anekdote aus der Praxis hat Weinberger noch: "Wenn ein Zinshauseigentümer investiert und beispielsweise das Energiesystem aufwendig mit einer Erdwärme-Tiefenbohrung umstellt, darf er die Investitionen nicht den Mietern weitergeben. Die profitieren aber von den wesentlich niedrigeren Energiekosten." Wenn sich ein solcher Eigentümer mit dem Nachbarn aber darauf verständigt, dass jeder so eine Investition macht, aber nicht für das eigene Haus, sondern sie sich gegenseitig beliefern, dann müssen die Mieter die Energiekosten bezahlen.

Aufgerufen am 27.09.2022 um 02:19 auf https://immo.sn.at/immo-ratgeber/bauen-wohnen/verpflichtung-zur-zentralheizung-holprige-energiewende-126753373

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