Bauen & Wohnen

"Smart Cities" - mehr als Digitalisierung

Smart Cities müssen immer stärker qualitative Faktoren wie Wohlbefinden berücksichtigen. Austausch zwischen den Städten und Kontinenten ist wichtig, kann aber auch eine Falle sein.

Wien-Aspern: Welche Kriterien machen eine Smart City für alle Beteiligten aus?  SN/daniel hawelka
Wien-Aspern: Welche Kriterien machen eine Smart City für alle Beteiligten aus?

Seit etlichen Jahren ist alles, was modern ist, plötzlich "smart". Ein Modewort, das gern strapaziert wird - von Smart Homes bis zu den Smart Grids. Und Städte, die sich Gedanken über ihre Entwicklung und Zukunftsfähigkeit machen, sind eben Smart Cities. Doch so einfach ist das nicht. Denn für eine Smart City bedarf es mehr als bloß Digitalisierungsmaßnahmen. Das kam jüngst bei einer Diskussion des OECD-Centers Berlin klar zur Sprache.

Was sind "Smart Cities"eigentlich?

Schon die Frage der Definition macht Probleme, wie Klara Fritz vom Berliner OECD-Center erläutert. "Smart Cities sind Städte, die die Digitalisierung nutzen und Stakeholders einbeziehen, um das Wohlergehen der Menschen zu verbessern und integrative, nachhaltigere und widerstandsfähigere Gesellschaften aufzubauen", so lautet die Definition der OECD. "Es gibt aber keine Garantie, dass Smart Cities allen Stadtbewohnern zugute kommen", sagt Fritz. Smart Cities seien für die OECD also nicht das Ziel, sondern ein Instrument zu Verbesserungen für die Menschen.

"Deshalb ist es so wichtig, Smart Cities auch zu messen", erklärt die Expertin. Doch das ist gar nicht so leicht. Beim Grad der Digitalisierung ist das noch vergleichsweise einfach, wenn man rein technische Daten einbezieht. Bei der Integration von Stakeholdern ist das schon schwieriger, wenn man die Einwohner und den Nutzen für die Stadt messen möchte, etwa auch die Einbeziehung von NGOs etc. "Digitalisierung ist nicht das Hauptkriterium", sagt Fritz. Vielmehr müsse man auch Faktoren wie Wohlbefinden, Teilhabe, Nachhaltigkeit und Widerstandsfähigkeit messen. Fritz: Das ist eine Frage der Datenlage in den einzelnen Ländern und Kontinenten.

„Man kann Wohlbefinden schon gut messen, nicht nur das BIP.“
Alexandra Wegscheider-Pichler, Statistik Austria

Da ist man beispielsweise in Österreich schon auf einem guten Weg, erklärt Alexandra Wegscheider-Pichler von der Statistik Austria: "Man kann Wohlbefinden schon gut messen und das bedeutet nicht nur das BIP. Auch die Statistik hat hier in den vergangenen Jahren viele Schritte gemacht und auch persönliche Einschätzungen zugelassen. Da haben wir schon stabile Indikatoren." Das gilt auch für das Thema Lebenszufriedenheit. Wegscheider: "Auch da haben wir stabile Indikatoren. Es geht um sehr persönliche Einschätzungen und dann muss es schon große Einflüsse geben, dass sich etwas verändert, etwa Arbeitslosigkeit."

Derzeit arbeite man etwa an anderen Indikatoren für die Stadt Graz, abseits der üblichen wirtschaftlichen Kennzahlen. Wegscheider: "Für die Seestadt Aspern, ein Stadtentwicklungsgebiet von Wien, haben wir Daten, aber nicht vom Rest von Wien." Das sei insofern relevant, als man zwar für Aspern erheben könne, welche Infrastruktur angezogen werde, aber nicht, ob diese einfach woanders abgezogen worden sei.

„Smart City, das war vor zehn Jahren ein Digitalisierungsplan.“
Johannes Lutter, Future Cities Wien

Johannes Lutter von Future Cities Wien bestätigt die Veränderungen: "Smart City, das war vor zehn Jahren ein Digitalisierungsplan." Jetzt erhebe man auch in Wien Faktoren wie Wohlbefinden, Inklusion oder Generationengerechtigkeit, damit Maßnahmen nicht künftig auf Kosten der Nachhaltigkeit oder des Klimaschutzes gehen. "Der Hebel ist die Innovation", sagt Lutter: "Digitalisierung ist sehr wichtig, aber es gibt auch die soziale Dimension." Quantitative Indikatoren wie der Energieverbrauch seien leicht messbar, für qualitative brauche man Expertenbeurteilungen: "Wir ziehen das durchaus aus subjektiven Kriterien heraus."

Auch er nennt als Beispiel die Seestadt Aspern: "Dort haben wir 20.000 Einwohner und 20.000 Arbeitsplätze. Es gibt periodische Befragungen der Bewohner etwa in Hinblick auf die Zufriedenheit." Die Menschen seien unglaublich zufrieden, nur: "Heiß ist es halt." Das führe zur Frage: Funktioniert die unversiegelte Stadt? Lutter: "Da muss man experimentieren und ausprobieren." Messbare Effekte wie die Hitze müsste man in den Kontext mit subjektiver Zufriedenheit stellen. "Das gibt völlig neue Lösungen."

Dialogplattformen sind wichtig

Lutter: "Wir haben auch eine Dialogplattform der österreichischen Städte, auch mit der Bundesregierung." Hier gebe es eine distributive Ebene für Fragen wie: Wer hat wo Zugang? Etwa zu finanzierbarem Wohnraum. Dazu kommt die prozedurale Ebene: Wer hat die Möglichkeit mitzureden? "Da geht es auch stark darum, dass nicht nur die Artikulationsstarken berücksichtigt werden." Wichtig seien solche Plattformen, ergänzt Statistik-Expertin Wegscheider: "Da wird auch auf europäischer Ebene viel getan, aber nicht koordiniert. Wir sollten dafür sorgen, dass nicht jede Stadt und jede Region wieder alles neu erfinden muss."

„Die politische Wirkung von Smart Cities hängt stark davon ab, wo man sich befindet. “
Henrik Maihack, Referat Afrika der deutschen Friedrich-Ebert-Stiftung

Auch wenn hier Europa Vorreiter sei, so könne man die Maßnahmen und Indikatoren nicht so einfach "exportieren", warnt Henrik Maihack vom Referat Afrika der deutschen Friedrich-Ebert-Stiftung: "Das Problem in Afrika ist, was denn Städte ,smart' machen soll?" Ein Mangel an Beteiligung ist dabei ebenso ein Problem wie die mangelhafte demokratische Entwicklung in manchen Gebieten. "Die Frage der Beteiligung ist auch eine ,Ungleichheitsfrage'", betont Maihack: "Das betrifft Aspekte wie Wasser, Abfall, Land oder Wohnraum." Selbst einfache Maßnahmen könnten aus Europa nicht einfach in Afrika übernommen werden: "Die kleine Kamera ist gegen Ladendiebe in Berlin etwas anderes als dort, wo sie für die Verfolgung etwa von Menschenrechtsaktivisten dient." Aber es gebe in Afrika auch positive Signale, etwa in Kenia mit der "Just City", also der gerechten Stadt. Maihack: "Die Herausforderung ist: Dort gibt es einen Großteil der städtischen Infrastruktur noch nicht. Die wird erst gebaut, offen ist, wer was wann macht. So könnten die Städte dort aber auch Antrieb in der Klimafrage werden."

Die Wirkung der smarten Maßnahmen macht's

Felix Dinnessen vom Beratungsunternehmen Deloitte stellt beim Thema Smart Cities vor allem die Frage "Welche Wirkung erziele ich?" in den Fokus. "Beispielsweise das Thema Mobilität: Die Frage ist ja nicht, wie viele smarte Ampeln gibt es in der Stadt, sondern ,Wie fließt der Verkehr?'" Er weist darauf hin, dass oft genug private Initiativen, die sehr engagiert sind, zu den wesentlichen Akteuren der Smart-City-Entwicklung gehören.

Aufgerufen am 26.07.2021 um 07:20 auf https://immo.sn.at/immo-ratgeber/bauen-wohnen/smart-cities-mehr-als-digitalisierung-106159474

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