Bauen & Wohnen

Räume wirken auf jeden

An bestimmten Orten fühlen wir uns wohl, an anderen nicht. Warum ist das so? Dieser Frage ist die Architektin Ursula Spannberger nachgegangen und hat die Raum-Wert-Methode entwickelt.

Ob ihnen ein Raum gefällt oder nicht, ob sie sich gerne darin aufhalten, das können die meisten Menschen spontan beantworten. Weit weniger leicht fällt ihnen die Begründung dafür. Meist führen sie Farben, Formen, Lichtverhältnisse, Materialien oder Designs an, die bestimmte Gefühle auslösen. "Mir ist schon vor langer Zeit aufgefallen, dass Menschen die Qualität von Orten - egal ob in einem Gebäude oder auf öffentlichen Plätzen - eher unbewusst bemerken. Darüber sprechen sie in Kategorien von ,schön' und ,hässlich'. Aber weniger darüber, warum das so ist", beschreibt Ursula Spannberger. Die in Dänemark geborene und in Salzburg aufgewachsene Architektin hat sich ausführlich mit der Gestaltung von Räumen und Plätzen beschäftigt. Nach dem Studium von Architektur, Kunstgeschichte und Gesang widmete sie sich nach der Rückkehr in ihre Heimatstadt zusätzlich auch der Vermittlung von Architektur.

Ein Arbeitsplatz ist wie ein Wohnraum

Wenn es um die Definition von "gefallen" geht, steckt sehr viel mehr dahinter als nur die Optik. Um sich behaglich und geschützt zu fühlen, kann sich jeder nach persönlichem Geschmack in seinem Zuhause einrichten. In öffentlichen Gebäuden bzw. in Unternehmen geht das nicht so einfach, da müssen Räume bestimmte Funktionen erfüllen. Da müssen konzentrierte Arbeit, Kommunikation untereinander und mit außenstehenden Personen sowie soziale Kontakte möglich sein und keine dieser Funktionen soll behindert werden. "Ein Arbeitsplatz, wo ich mich viel und regelmäßig aufhalte, ist immer auch so etwas wie ein Wohnraum", gibt Spannberger zu bedenken und verweist darauf, dass es auch ums Wohlfühlen am Arbeitsplatz gehe. Auf diese Weise steigen Produktivität und Leistung.

Großraumbüros werden kontrovers gesehen

In Bürogebäuden geht heutzutage der Trend in Richtung Großraumbüros, insbesondere in Zeiten der Covidpandemie, weil durch Homeoffice und Co. gar nicht mehr alle Arbeitsplätze zur selben Zeit besetzt sind. Uneingeschränkt befürwortet wird das allerdings nicht. Einerseits wird als vorteilhaft gesehen, dass in einem Raum, wo mehrere zusammenarbeiten, die viel direktere Kommunikation möglich ist und Kollegen/-innen viel leichter mitbekommen, was rundherum abläuft. Andererseits gibt es zuerst eine instinktive Ablehnung, wenn sich viele arbeitende Menschen in einem Raum zusammenfinden sollen. Man fühlt sich beobachtet, der Geräuschpegel ist oft (zu) hoch und es gibt wenige Rückzugsmöglichkeiten.

Die Raum-Wert-Methode für die optimale Passung von Raum und Organisation

Derartige Diskussionen laufen derzeit in so manchem Großbetrieb - auch in Salzburg - ab. Hier könnte Spannberger mit ihrer Expertise aushelfen. Sie hat die Erfahrungen ihrer jahrzehntelangen Arbeit zusammengefasst, die Raum-Wert-Methode entwickelt und diese im Buch "Raum wirkt" (Verlag Ludwig) veröffentlicht. "Es betrifft im Grunde jeden Menschen, weil eben Räume auf jeden wirken", betont sie. Gleichzeitig ist sie gerade dabei, ein Raum-Wert-Institut zu gründen. "Ich habe bereits viel mit den schweizerischen Heimstätten Wil zusammengearbeitet, sie bei der Neuorganisation von Arbeitsstätten und Wohnräumen begleitet und weil es sowohl menschlich als auch räumlich passt, wird das Institut dort seine Heimat finden."

Ebenso hat sie die Baudirektion der Stadt Krems dabei beraten, wie drei verstreut liegende Standorte zu einem einzigen zusammengeführt werden können. "Das ist eine intensive, gemeinsame Entwicklung, bei der Kompromisse gefunden werden müssen und auch Frustrationen entstehen. Durch das im Prozess entstandene Verständnis füreinander werden diese viel leichter ausgehalten. Aber auch bei der Adaptierung bestehender Bauten ist die Raum-Wert-Methode ein wunderbares Instrument, um die optimale Passung von Raum und Organisation zu erzielen", erläutert die Architektin.

Die Bediensteten in Krems waren ebenfalls nicht erfreut über die Perspektive Großraumbüro. Einzelbüros erwiesen sich jedoch nicht zur Gänze als zielführend, weil nicht immer alle Mitarbeiter/-innen anwesend sind. In vielen Gesprächen hat man sich schließlich auf Vierergruppenbüros geeinigt. "Im Bauamt geht es darum, Pläne zu besprechen - früher wurden dazu, einander gegenübersitzend, Pläne ausgebreitet. Heute findet das alles am Bildschirm statt. Das bedeutet, die Bauwerber/-innen sitzen nun neben Sachbearbeitern/-innen. Und verletzten damit im Grunde deren ,Privatsphäre' am Schreibtisch. Die Lösung lag darin, den Empfang mit einer kompetenten Person zu besetzen, die erste Auskünfte geben kann und weiß, wer wofür zuständig ist. Im Empfangsbereich sind nun Stehtische mit Computern eingerichtet, wo sie sich treffen und so die jeweiligen Bauagenden direkt vor dem Bildschirm auf die Schnelle besprechen können, ohne bis an die Schreibtische vorzudringen. Aber auch Besprechungszimmer wurden vorgesehen."

Neun Raum-Werte beschreiben Eigenschaften von und Befinden in Räumen

Für die Raum-Wert-Methode hat Ursula Spannberger neun Raum-Werte definiert, die allgemeine Eigenschaften von Räumen sowie das menschliche Befinden in den Räumen beschreiben. "Beispielsweise das Erleben von Nähe und Distanz - es geht um die Frage: Wie empfinde ich das jetzt, wo tut mir das gut und wo eher schlecht? Einzelbüros mögen zwar ein alter Wunschtraum sein, die Vereinzelung ist heute aber wenig hilfreich, wenn niemand sonst mitbekommt, woran ich gerade arbeite, da ohnedies viel im Homeoffice erledigt wird." Die Aufgabe der Führungsperson ist jedenfalls, klar von Anbeginn zu sagen, wohin die Reise gehen soll. Auch wie der jeweilige Stand der Planung ist und wo die Mitarbeiter/-innen noch mitreden können.

In Großgruppen-Workshops zu den idealen Räumen

Der gesamte Prozess läuft über Großgruppen-Workshops ab, zum einen um Wünsche deponieren zu können, zum anderen um festzustellen, was überhaupt möglich ist. In Zwischenphasen werden Erfahrungen ausgetauscht und die unterschiedlichen Positionen erklärt. Exkursionen zu Best-Practice-Beispielen sowie Internetrecherche ergänzen den Prozess, aber auch Probephasen, wo etwa das Zusammenarbeiten in Büros nachgestellt wird. Die Mitarbeiter bilden Arbeitsgruppen, erarbeiten unter den neun Raum-Wert-Gesichtspunkten Vorschläge und berichten in einem weiteren Workshop darüber. Etwa wo sie mit wem zusammenarbeiten, wie die Wege gestaltet sein sollen, wie Leute zu ihnen finden, wo es offen oder geschlossen gestaltet sein soll sowie welche Räume sie überhaupt brauchen und warum. "Das wird anschließend alles zusammengeführt. Für mich war es jedes Mal umwerfend, welch positive Ergebnisse jeweils erzielt wurden und wie zufrieden alle waren, sich beteiligen zu können. So misstrauisch die Betroffenen anfangs oft sind, so gut merken sie, dass sie ernst genommen werden, aber auch andere ernst nehmen müssen."



Neun Raum-Werte als Überprüfungsmethode

1. Nachvollziehbare Funktionszusammenhänge: Funktionen wirken auf den Raum und nicht umgekehrt.

2. Orientierung und Übersichtlichkeit: Räume geben Botschaften, Orientierung.

3. Raumangebot und Raumqualität: Alles, was in einem Raum getan werden soll, muss möglich gemacht werden.

4. Flexibilität, individuelle Entscheidungsmöglichkeiten, Improvisation: Gestern Laden, heute Büro, morgen Wohnraum, ...

5. Wegeführung - Weglängen und Wegqualitäten: "Funktionierende" Räume beruhen auf funktionierender Bewegung.

6. Nähe und Distanz, Hierarchie: Gemeinsam, vereinzelt, allein - räumliche Verbindung vs. Abschottung.

7. Gefühltes Raumklima, Behaglichkeit: Licht, Luft, Farbe, Akustik, Materialien und Möblierung.

8. Anziehungspunkte und Verbindungselemente, Lieblingsplätze: Markante Orte schaffen Kommunikationsräume.

9. Außenwirkung: Selbstbild - Fremdbild, die häufig weit auseinanderklaffen.

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