Bauen & Wohnen

Lebendigkeit einer Wohnanlage liegt in der Vielfalt

João: Erzähl mir, wie du wohnst! Zu Besuch in einer Siedlung mit einem Konzept der besonderen Art im Stadtteil Aigen.

João genießt die räumliche Offenheit in der Wohnanlage in Aigen mit Blick ins Freie. SN/hirner
João genießt die räumliche Offenheit in der Wohnanlage in Aigen mit Blick ins Freie.

Die ebenerdige Wohnungstür, an der mich João mit einer herzlichen Umarmung begrüßt, wirkt wie der Eingang zu einem Reihenhaus. Dabei befinde ich mich in einer der größten Siedlungen, die in der Stadt Salzburg in den vergangenen Jahren entstanden sind: Die 173 Wohnungen neben dem Diakonissen-Krankenhaus im Stadtteil Aigen wurden vor fünf Jahren fertiggestellt.

Zehn Gebäude gruppieren sich um einen zentralen Platz, der aus allen Himmelsrichtungen erreichbar ist. Joãos Wohnung liegt nur ein paar Schritte von diesem Platz entfernt und ist direkt vom Freien aus zugänglich. Schon beim Eintreten fällt der Blick durch den Gang in den Wohn- und Essbereich und weiter durch die große Fensterfront wieder nach draußen in den Garten. Dieser direkte Übergang ins Freie zu beiden Seiten der Wohnung gefällt João ganz besonders, es entsteht sofort ein Gefühl von Offenheit und Weite.

Räumliche Offenheit ist für den gebürtigen Brasilianer, der in São Paulo aufgewachsen ist, überhaupt ein wichtiges Thema, und die sieht er in der gesamten Wohnanlage verwirklicht. Durch die Anbindung der Siedlung an alle umgebenden Wege öffnet sie sich durchlässig in die Nachbarschaft zu allen Seiten. Die Abstände zwischen den Häusern bieten Platz für Wege und Rasenflächen, auf denen Kinder mit Roller und Fahrrad herumflitzen.

Bild: SN/hirner
„Der ’Dorfplatz’ ist ein Treffpunkt für jeden Bewohner der Anlage.“ Joao, Softwaretrainer

Die drei- und viergeschoßigen Gebäude weiten den Außenraum zum großzügigen "Dorfplatz" auf und eröffnen vielfältige Blicke in die Ferne. Wenn er morgens aus der Wohnung tritt, sieht er die Sonne hinter dem Gaisberg auftauchen und abends kann er den Sonnenuntergang Richtung Westen betrachten. "Für mich ist es ein Geschenk, hier zu wohnen", schwärmt João.

Der gelernte Wasserbauingenieur lebt seit mehr als 25 Jahren in Salzburg und arbeitet inzwischen im Trainingsteam eines Softwareunternehmens. Bei Fertigstellung der Siedlung ist er als alleinerziehender Vater mit zwei seiner Kinder in die Dreizimmerwohnung eingezogen. Seit einigen Monaten lebt er in der Wohnung, seinem "Nest", wie er sie liebevoll bezeichnet, allein. Seine Kinder sind ausgezogen und er konnte seine kleine Welt vom Schlafsofa im Wohnzimmer ausweiten und nutzt jetzt alle Räume. Ein neues Lebensgefühl für ihn, der das erste Mal in seinem Leben allein wohnt. So sehr er Familie und Gemeinschaft liebt, so sehr genießt er jetzt auch diesen großzügigen Bereich für sich selbst.

Besonderes Wohnkonzept

Das Besondere der Siedlung ist ihr Wohnkonzept, eine Melange aus betreutem Wohnen, Wohnungen für Menschen mit Beeinträchtigungen, Generationenwohnen sowie klassischen Miet- und Eigentumswohnungen. Eine Wohnkoordinationsstelle, Gemeinschaftseinrichtungen sowie Geschäftsflächen sind in die Siedlung integriert. Dieses Gesamtkonzept mit der Vielfalt an Menschen und Angeboten hatte João von Anfang an angesprochen.

Besonders gefällt ihm der großzügige Gemeinschaftsraum, der im Erdgeschoß direkt am zentralen Platz liegt. Durch die raumhohen Verglasungen auf drei Seiten ist er ausgesprochen hell und freundlich. Der Raum ist nur 50 Schritte von Joãos Wohnungstür entfernt. "Ich habe dort meinen Sechziger gefeiert. Man kann den Raum ganz unkompliziert nutzen, Tische und Stühle stehen zur Verfügung, die Küche hat eine Durchreiche zum Raum und ist gut ausgestattet. Einzige Bedingung ist, alles wieder sauber und aufgeräumt zu übergeben."

Eine Selbstverständlichkeit für ihn, jeder ist verantwortlich für das, was allen gemeinsam gehört. Der Gemeinschaftsraum wird auch für Kino- und Tanzabende, Seniorentreffen und Yoga regelmäßig benutzt. Auch Externe können den Raum mieten, sodass die Siedlung eine Bereicherung für die Nachbarschaft, für den gesamten Stadtteil ist.

Treffpunkt "Dorfplatz"

Der "Dorfplatz" sei ein Treffpunkt für jeden, meint João. Mit Sitzbänken, Liegeflächen, Boccia-Bahn, Schachbrett und Kinderspielplatz wird er gern genutzt und ist ein Ort der unkomplizierten, zufälligen Begegnungen. Manchmal findet sogar ein Siedlungsflohmarkt statt. Es ist immer was los, es ist lebendig hier mit unterschiedlichsten Menschen und das genießt João ganz besonders. Das Aufwachsen in São Paulo habe sein Denken bezüglich Gemeinschaft geprägt, sagt er. "Gemeinschaft bedeutet für mich Sicherheit, finanzielle wie auch physische, in der Gemeinschaft kann ich meine Antennen einfahren und mich entspannen und das ist gleichbedeutend mit Freiheit."

Eine gute Infrastruktur ist wichtig

Auto besitze er keines, erzählt er weiter, dafür stehe das Fahrrad auf der Terrasse stets bereit. Die Firma, für die er arbeitet, ist gut mit dem Rad erreichbar. Die Salzach ist nur ein paar Minuten entfernt, der Gaisberg thront direkt vor der Tür und mit dem Rad ist er im Sommer zum Abkühlen auch schnell an der Königsseeache. Für entferntere Ziele ist die Bahnstation Aigen ganz nah und für die täglichen Besorgungen sind Apotheke, Supermarkt, Post und Bank in Gehentfernung. "Dass alles hier so nah beieinanderliegt, gefällt mir sehr", sagt João.

Ob er Lieblingsplätze in der Wohnung hat? "Stehend in der Küche, angelehnt an die Theke", kommt nach kurzem Überlegen die Antwort, "und im Sessel vor dem großen Fenster. Eine Tasse Kaffee in der Hand, Blick nach draußen zum Garten und die Gedanken und Gefühle des Tages einordnen. Hier kann ich richtig entspannen, dem Leben entgegengehen und akzeptieren, was ist."

"Bei der Wohnungseinrichtung bin ich einfach gestrickt", schmunzelt der gebürtige Brasilianer, "da mache ich mir nicht viele Gedanken drüber." Trotzdem verleihen die hellen Möbel, die farbigen Wände und Bilder sowie ein frischer Blumenstrauß der Wohnung Fröhlichkeit und Leichtigkeit. Gern lässt er sich bei der Einrichtung auch von Freunden beraten. Dann wird ausprobiert, werden Möbel verschoben und ergänzende Möbel mitgebracht.

Siedlungskonzept wirkt positiv auf das Wohlbefinden der Bewohner

Ob er sich noch was wünscht beim Wohnen? "Es ist gut, so wie es ist", sagt João. Doch dann fällt ihm noch ein: "Etwas mehr Farbe wäre schön. Mir würde gefallen, die Eingänge mit unterschiedlichen Farben zu betonen, da könnte man schon was Kreatives machen."

Beim abschließenden Gang durch die Siedlung beschäftigt mich die Frage, ob solche Siedlungskonzepte eine besondere Wirkung auf unser Verhalten und Wohlbefinden haben können. Ich frage mich, ob Offenheit und Toleranz gestärkt und das Zusammenleben bereichert wird. Eine kleine Antwort bekomme ich nur Sekunden später durch eine Begegnung über den Gartenzaun hinweg. Ein Blickkontakt, ein Lächeln, ein mir unbekannter Mensch bei der Gartenarbeit, der scherzhaft andeutet, mich mit dem Gartenschlauch anzuspritzen. Ein herzliches Lachen beidseits des Zauns und mir kommen Joãos Worte in den Sinn: Es ist gut, so wie es ist.

Aufgerufen am 05.07.2022 um 06:50 auf https://immo.sn.at/immo-ratgeber/bauen-wohnen/lebendigkeit-einer-wohnanlage-liegt-in-der-vielfalt-122445124

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