Bauen & Wohnen

Klimaverträgliche Baustoffe der Zukunft

(Bau-)Stoffe zum Träumen: Rückbesinnung auf örtlich vorhandene Materialien. Momentane "Baumoden" sollten nicht unkritisch global eingesetzt werden.

Bausubstanz zu erhalten statt bloß Bauschutt zu recyceln, lautet die Devise. SN/bernhard schreglmann
Bausubstanz zu erhalten statt bloß Bauschutt zu recyceln, lautet die Devise.

Der weltweite Bausektor trägt sehr viel zur Belastung der Atmosphäre bei. Der weltweite Megatrend zur Verstädterung und der damit verbundene Infrastruktur- und Ressourcenbedarf verstärken dies noch: Schon heute verursacht der globale Bau- und Gebäudesektor laut OECD knapp 40 Prozent der Treibhausgase. Gleichzeitig sind Themen wie Kreislaufwirtschaft und der Einsatz von alternativen Baustoffen noch nicht im Mainstream der Bauwirtschaft angekommen.

"Die weltweite Rohstoffgewinnung ist stark gestiegen", bestätigt Peter Börkey, OECD-Experte für Bauwirtschaft und Umwelt: "Das hat sich in den vergangenen 30 Jahren verdoppelt, getrieben auch vom Mauerfall oder der Nachfrage in der ,Dritten Welt'." 40 Prozent der gesamten Rohstoffgewinnung entfällt auf Sand, Kies und Stahl. "Wenn wir so weitermachen wie bisher, wird sich die Rohstoffgewinnung bis 2060 noch einmal verdoppeln", warnt Börkey.

Enorme Umweltauswirkungen durch erhöhte Nachfrage nach Baustoffen

Die Nachfrage nach Baustoffen dieser Art werde vor allem in den Schwellenländern und dem Rest der Welt, also aus Afrika, teilweise Asien und Lateinamerika, steigen. "Das hat enorme Umweltauswirkungen", weiß der Experte: "Ein Viertel des jährlichen CO2-Ausstoßes im Jahr 2060 würde dann allein auf die Metallproduktion entfallen, die für Beton, Eisen, Stahl oder Bronze gebraucht wird."

"Es braucht eine Entkopplung von Rohstoffverbrauch und Wirtschaftswachstum", fordert Börkey. Dazu bedarf es der Schließung von Werkstoffströmen, etwa durch Recycling. Allein dadurch wäre der Rohstoffverbrauch für Kupfer oder Nickel um das Zehnfache reduzierbar. Zweiter Schritt wäre die Verlangsamung der Stoffströme, das bedeutet eine längere Lebensdauer etwa für Gebäude und Infrastruktur. Und schließlich sei es notwendig, die Ressourcen effizienter zu nutzen, etwa eine intensivere Bewirtschaftung von Gebäuden durch Mischnutzung. "Es könnte tagsüber ein Büro sei und abends ein Fitnessstudio", schlägt Börkey vor.

Gebäude müssen anders gebaut werden: es geht um Qualität und Zukunftsfähigkeit

Hier hakt auch Heike Litzinger vom deutschen Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ein: "Es gibt bei Gebäuden eine ständige Veränderung der Ansprüche." Sie nennt beispielsweise das Gestalten von Büroräumen nach der Pandemie. Sie nennt noch ein weiteres Beispiel: In mittleren Städten in Sub-Sahara-Afrika wird in den nächsten 30 Jahren sehr viel gebaut. Wenn man so weitermacht wie bisher, würden alle CO2-Einsparungen bis 2050 allein dadurch wieder verbraucht. "Es gibt dort einen enormen Bedarf an Wohnraum", sagt Litzinger: "Wir müssen aber alle gemeinsam anders planen und bauen, nicht nur in Deutschland, sondern überall." Dazu brauche es entsprechende Beratungen im politischen Umfeld. Konkret gebe es schon Pilotvorhaben mit einem UNO-Programm in Bangladesch, Indien und dem Senegal. Dort werde versucht, mit nachhaltigen Materialien zu bauen und diese etwa im Bereich Kühlung zu testen.

"Dazu braucht es viel Forschung", betont Manal el Shahat von der Ain-Shams-Universität Kairo und nennt als Beispiel den Lehmbau. Hier gebe es eine Forschungszusammenarbeit zwischen Ägypten und deutschen Fachhochschulen, was Materialien und Strukturen - Stichwort: Statik - betrifft. In Deutschland gibt es auch ein ganz spezielles Forschungsobjekt: einen sechsstöckigen Lehmbau aus dem 19. Jahrhundert. Shahat: "Fünf Stunden südlich von Kairo liegt das Dorf Tunis. Das ist ganz aus Lehm gebaut. Nun wird mit deutscher Hilfe im Nachbardorf ein Kindergarten auf diese Weise gebaut." Es habe viel mehr Sinn, die vorhandenen Baustoffe, die sich oft über Jahrhunderte schon bewährt haben, zu verwenden, als auf andere umzustellen. "In Ägypten gibt es kein Holz, das muss man importieren, es ist kein regulärer Baustoff. Lehm hingegen gibt es überall."

Christine Lemaître von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen bringt es auf den Punkt: Es geht um Qualität und Zukunftsfähigkeit.

Regionale Gegebenheiten und Baustoffe beim Gebäudebau berücksichtigen

"Wir müssen uns zuerst einmal fragen: Was bauen wir da eigentlich?" Man dürfe nicht der Prämisse "one size fits all" folgen. Lemaître: "Wir dürfen keinesfalls den Trend Beton und Stahl einfach über alles drüberstülpen. Gerade im globalen Süden wird gerade alles betoniert, das ist schlecht." Ein Betonbau in der Wüste benötige zudem sinnlose zusätzliche Energie. Die Expertin hat noch ein anderes Beispiel: ein Holzhochhaus in Hongkong: "Das Holz dafür wird aus Österreich geliefert. Was das allein an CO2-Emissionen für den Transport bedeutet! Holzbau ist auch nicht die globale Lösung."

Apropos CO2: In den vergangenen Jahrzehnten seien die Emissionen zu 80 Prozent auf den Betrieb und zu 20 Prozent auf die Konstruktion entfallen, heute liegt der Wert bei 50:50. Hier sieht sie als vordringliche Optimierungsgröße das Thema Emission aus dem Bau. Lemaître: "Da ist man natürlich Spielverderber, aber ,weiter wie bisher, halt mit anderen Materialien' ist nicht der richtige Weg."

Dem pflichtet auch Doris Österreicher von der Universität für Bodenkultur in Wien bei: "Nachhaltiges Bauen ist eine Ressourcen-Herausforderung. Es braucht eine gute Lösung für einen Standort und seine spezielle Nutzung." Das "klassische" Copy-and-paste-Verfahren, also denselben Typ Büroturm überall hinstellen zu können, sei nicht zielführend.

Bestehendes erhalten, dann erst Recycling

Die Expertin fordert, was die USA und Europa betrifft, ohnehin eine neue Perspektive, nämlich das Bauen im Bestand: "Wir haben alte Städte, Denkmalschutz, es geht um Bodenverbrauch und um Leerstand." Hier müsse neu gedacht werden. Wenn schon Neubau, dann brauche es klimaoptimiertes Bauen. Österreicher: "Es gibt Lösungen, die sind jahrhundertealt. Sie muss man neu adaptieren und in eine moderne Architektur übersetzen. Es gibt sehr wohl viel Wissen etwa über kühlendes Bauen."

Julius Schäufele, Mitbegründer von Concular, einem Unternehmen aus Stuttgart, das sich mit der Wiederverwendung von Baustoffen beschäftigt, würde sich über mehr Gedanken zu diesem Thema freuen: "In Deutschland ist Kreislauf oft mit ,Recycling' besetzt. Aber es geht um mehr, also Bestehendes erhalten, Material gleichwertig wiederverwenden oder adaptieren und erst danach kommt Recycling." Es brauche dafür eine zirkulare Wertschöpfungskette, bei der Materialien beim Rückbau erfasst werden und in welchem Zustand sie sind. Das helfe dann bei der Planung und der hochwertigen Verwendung im Neu- oder Umbau. "Diese Wertschöpfungskette ist derzeit nicht da", kritisiert Schäufele: "Da gibt es nur Gewinnung, Bau, Abriss, Recycling."

Wiederverwertbare Komponenten beim Gebäudebau

Künftig müssten Gebäude so im Sinne einer Kreislaufwirtschaft geplant werden, dass alles demontierbar ist. Materialien müssen so konzipiert sein, dass sie trennbar sind. Man müsse verstehen können, was auf Produkt- und Gebäudeebene gemacht wurde.

„Wir brauchen dringend Zertifizierungsstandards für recyclingfähige und wiederverwertbare Produkte.“
Doris Österreicher, Universität für Bodenkultur Wien

Doris Österreicher stimmt dem Befund zu: "Wir haben eine extrem hohe Bausubstanz bezüglich Brandschutz, Statik etc. Die Herausforderung lautet aber, dass die Komponenten wiederverwertbar sein müssen. Planer sollten 30 Jahren dafür haften." Dafür brauche es aber auch Experimentierräume, wo auch etwas schiefgehen kann. "Wir haben keine Fehlerkultur. Jetzt bleibt nur eine Klage oder schlimmstenfalls der Ruin der Baufirma."

Bei den klimaverträglichen Baustoffen der Zukunft scheitere es weniger daran, sie zu bekommen, sondern wer dafür haftet. Österreicher: "Wir brauchen dringend Zertifizierungsstandards für recyclingfähige und wiederverwertbare Produkte."

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