Bauen & Wohnen

Klimaneutral bauen - Die Bauzukunft ist ökologisch

Die Baubranche ist von echt nachhaltigen Bauprojekten großteils noch weit entfernt. Doch es gibt Vorreiter und Vorzeigeprojekte, die aufzeigen, wie das Bauen der Zukunft nach welchen Kriterien funktionieren kann.

Klimaneutral zu bauen wird für die Branche zunehmend eine Herausforderung. Bis vor wenigen Jahren kümmerte man sich wenig um ganzheitliche Klimaaspekte, zuletzt lag der Fokus eher auf dem Energieverbrauch, was zu Insellösungen wie dem Passivhaus führte. Inzwischen haben die Zuständigen erkannt, dass diese Materie doch viel breiter ist, als sich rein auf den Heizenergieverbrauch pro Quadratmeter oder 08/15-Lösungen wie Styroporfassaden zu beschränken. Georg Scheicher, Architekt aus Adnet, beschäftigt sich schon lang mit dem Thema "klimaneutral bauen". "Die Menschen gehen davon aus, dass verbaute Materialien auf ewige Zeiten in den Gebäuden geparkt sind", sagt Scheicher. "Tatsächlich nutzen wir unsere Häuser nur 30 Jahre so, wie sie geplant waren." Ein Drittel des Müllaufkommens stammt aus dem Bauwesen, für Wohnen werden 35 Prozent des Energieaufkommens verbraucht, 25 Prozent des CO2-Aus- stoßes gehen auf dessen Konto. Zudem werden laufend Flächen versiegelt. "Ein radikales Umdenken ist notwendig", analysiert Scheicher.

CO2 Verbrauch

Klimaneutral zu bauen hat mehrere Facetten. "Da ist einerseits die CO2-Debatte", sagt Scheicher. Bisher lag der Fokus auf dem Betrieb des Hauses, also Heizung und Warmwasser. Notwendig sei, den Verbrauch zu minimieren und ohne fossile Energie auszukommen. Eine andere Facette ist, dass durch das reine Bauen etwa so viel CO2 freigesetzt wird wie durch den 200-jährigen Betrieb des gleichen Gebäudes. "Würden alle Häuser mit mehr nachwachsenden Rohstoffen gebaut, wäre die Bilanz wesentlich besser."

Recyclingfähige Baustoffe

Dies führt zum Thema "Cradle to cradle", dem Denkansatz "von der Wiege bis zur Wiege". "Gebäude sollten nicht einfach abgerissen und auf einer Deponie entsorgt werden, sondern besser wiederverwertet werden", betont der Architekt. "Wir müssen nachdenken, wie wir die Stoffkreisläufe schließen können." Denn das Problem sind oft Verbundwerkstoffe, bei denen verschiedene Materialien mit einem Kleber verbunden sind, die sich später nicht mehr trennen lassen. Trennbare, recyclingfähige Baustoffe sollten bevorzugt zum Einsatz kommen. "Am besten sind nachwachsende Rohstoffe mit einer hohen Lebensdauer", rät Scheicher, der gern Stroh in der Dämmung einsetzt. Dabei handelt es sich um ein landwirtschaftliches Abfallprodukt, das kompostierbar ist und so als Grundlage oder Rohstoff für neue natürliche Werkstoffe dient. "Die Natur hat die klimafreundlichsten Rohstoffe."

Situative Hybridbauweise

Im Baubereich gibt es laut Scheicher starke Lobbys für Holz oder Beton. Wichtiger sei ihm aber, situativ die richtigen Entscheidungen zu treffen. Beton sei ein sehr wichtiger Baustoff, auch wenn er von der CO2-Bilanz nicht so gut sei, was vor allem am Zement liege. Aber für hohe Lasten, Schallschutz, thermische Speicherfähigkeit, erdberührende Bauteile oder im Brandschutz sei er kaum ersetzbar. Andererseits gebe es inzwischen reine mehrgeschoßige Holzbauten, diese hätten aber ebenfalls gewisse Defizite. Scheicher setzt deshalb gern auf Betonskelett-Bauweise mit Bauteilaktivierung und Ausbau mit nachwachsenden Rohstoffen. Der Betonverbrauch sollte optimiert werden, ohne die Zukunftsfähigkeit des Gebäudes zu beeinträchtigen. "Es ist wie bei einem Vogel, das Skelett muss stabil, aber leicht sein." Der Rest des Ausbaus sollte mit nachwachsenden Rohstoffen erfolgen, die einfach vom Skelett abgenommen werden können.
Scheicher: "Der intelligente situative Hybridbau wird die Zukunft sein, nicht der reine Holzbau." Das gilt vor allem für den mehrgeschoßigen Wohnbau, bei Einfamilienhäusern ist die Situation anders, diese lassen sich sehr gut als reiner Holzbau realisieren. Eine Art Ringleitung versorgt die Räume mit den nötigen Kabelanschlüssen, ohne dass eine Leitung zu jedem Zimmer extra verlegt werden muss. Das spart wertvolle Rohstoffe, zum Beispiel Kupfer.

Und man kann auch im Betrieb noch vieles einsparen. Scheicher nennt sein Zero Carbon Building in Anif. Dort ist es gelungen, die Heizkosten zu minimieren, weil die Wärmepumpe die Abluft aus dem Haus verwendet, die im Winter wesentlich wärmer ist als die Außenluft. "Für eine 90-Quadratmeter-Wohnung fallen pro Monat weniger als 20 Euro für Heizung und Warmwasser an."
Auf der Suche nach ökologischen Materialien und Verfahren hat Scheicher auch in Zusammenarbeit mit Partnern eigene Wege beschritten, etwa zwischen zwei Wänden eingeblasenes Stroh oder Glas. Isostroh nennt sich das Produkt aus heimischem Weizenstroh, aus dem eine Dämmschicht von bis zu 40 Zentimetern hergestellt werden kann. Stroh ist sehr dicht und damit wärmespeichernd und dämmend zugleich. Mit einem speziellen Zerkleinerungsverfahren wurde erreicht, dass sich das Stroh nicht setzt und im Bauteil unter Druck verdichtet werden kann.
Mit seinem System des ökologischen Bauens hat Scheicher schon einige Projekte umgesetzt. Das S-House in Böheimkirchen etwa ist ein strohballengedämmtes Passivhaus für vollständige biologische Rückführung in die Stoffkreisläufe, die technischen Werkstoffe können einfach voneinander getrennt werden. Dafür erhielt der Architekt den Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit 2006 und den R.I.O. AWARD 2006 der Aachener Stiftung Kathy Beys.

Rückbaubarkeit der Häuser

Dem Cradle-to-cradle-Ansatz folgend, kommt es aber auch auf den Abbau des Gebäudes am Ende seiner Lebenszeit an. "Die Rückbaubarkeit ist ein zentraler Faktor", bestätigt der Architekt. "Wir schlagen vor, dass schon mit der Einreichung auch ein Rückbauplan bei der Gemeinde eingereicht werden muss, damit künftige Generationen wissen, wie die Baustoffe zur Weiterverwendung rückgewonnen werden können."

Kostenreduktion durch Vorfertigung

Doch wie schaut das alles bei den Kosten aus? "Wir rechnen derzeit bei einem üblichen Mehrgeschoß-Wohnbau mit 2200 Euro pro Quadratmeter Nutzfläche an reinen Baukosten. Bei einem Sustainable House sind die Kosten derzeit noch höher." Diesen Mehrkosten könne begegnet werden. "Kosten senken kann man beispielsweise durch industrielle Vorfertigung." Auch das Einblasen von Stroh als Dämmung sei eine kostengünstige Alternative. Im Innenausbau verwendet Scheicher gern monolithische Strohplatten anstelle von Gipsmetall und Glaswolle. Auch bei der Bauteilaktivierung könne man vorfertigen. Beim Blue-Living-Projekt in Grödig wurden die Heizschläuche bereits im Werk in die Betonfertigteile eingebaut. Die Haustechnik wurde industriell vorgefertigt und in wenigen fertigen Bauteilen auf die Baustelle geliefert.

Kriterien für Sustainable Architecture (SA)

>SA bevorzugt nachwachsende Rohstoffe aus nachhaltiger Land- und Forstwirtschaft.

>Biogene Rohstoffe sind Ausgangspunkt einer Vielzahl neuer Rohstoffe, die biologisch abbaubar sind.

>SA verzichtet beziehungsweise minimiert Rohstoffe mit großen ökologischen Rucksäcken.

>SA berücksichtigt beziehungsweise reduziert die CO2-
Freisetzung während des gesamten Lebenszyklus.

>SA verwendet recycelte Stoffe, minimiert Transporte, verpackt ressourceneffizient und schließt die Stoffkreisläufe möglichst lokal.

>Gebäudehüllen sollen für optimale Energieerzeugung ausgelegt werden - zu Kleinkraftwerken, die neben der Energie für Raumkonditionierung und Warmwasserkühlung auch die Energie für Licht, IT und einen Beitrag zur Mobilität erzeugen.

>Durch winddichte Fassaden, gute Dämmung, Energierückgewinnungssysteme, Tageslichtfokussierung etc. können der Energiebedarf reduziert und die CO2-Freisetzung verringert werden.

>Bauteile wie Hülle, statische Konstruktion und Erschließung werden für eine längere Lebensdauer konzipiert als Zwischenwände, Installationen und Oberflächen, die raschen Änderungen der Bedürfnisse nicht im Weg stehen sollen.

>SA positioniert Gebäude bevorzugt auf Flächen geringer land- und forstwirtschaftlicher Bedeutung, kompensiert die Bodenversiegelung mit Ersatzflächen etwa mit begrünten Dächern, baut auf Flächen mit erhöhtem passiven Energieeintrag (Südhanglagen), auf Flächen, die infrastrukturell bereits aufgeschlossen sind, schafft trotz hoher Dichte Naturbezug, Lebensqualität und Individualisierbarkeit durch ihre Nutzer.

>SA benutzt Werkstoffe effizient, nutzt Bionik-Erkenntnisse für Materialeinsparung, minimiert den Einsatz technischer Werkstoffe, substituiert Kabellängen durch Bus- und Funkschaltungen, bevorzugt konstruktiven Bauteilschutz, lehnt chemischen Bauteilschutz ab.

>SA setzt auf "Closed Material Circles"-Technologien und plant den Rückbau und die damit verbundene Wiedereingliederung der Rohstoffe in die Stoffkreisläufe bereits bei der Gebäudekonzeptionierung mit ein. SA hinterlegt bei der Behörde mit den Genehmigungsplänen bereits die Rückbaupläne, setzt technische und biogene Werkstoffe so ein, dass sie im Rückbaufall einfach voneinander getrennt werden können, verwendet technische Werkstoffe möglichst monomateriell, verzichtet also auf Verbundwerkstoffe, um einfaches Recyclen zu ermöglichen. Sorgt dafür, dass die biogenen Werkstoffe biologisch abbaubar bleiben.

Aufgerufen am 19.01.2020 um 01:05 auf https://immo.sn.at/immo-ratgeber/bauen-wohnen/klimaneutral-bauen-die-bauzukunft-ist-oekologisch-79832125

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