Bauen & Wohnen

Gemeinsam Architektur neu denken am Beispiel des Schulneubaus in Salzburg-Lehen

Wohnraum wird oft an den Nutzern vorbei geplant und gebaut. Die Soziologin Sarah Untner ist hier Schnittstelle zwischen Errichtern und Bewohnern, zuletzt vernetzte sie alle an einem Schulalltag Beteiligten, um den Bau der Volksschule Lehen völlig neu zu denken.

Sarah Untner SN/patrick bauer
Sarah Untner

Sarah Untner hat und ist Raumsinn. Mit ihrem gleichnamigen Unternehmen fungiert die studierte Soziologin als Schnittstelle zwischen den Menschen, die einen neuen Raum bewohnen sollen, und den Architekten und Erbauern, die diesen bereitstellen. Und hier tun sich nicht selten Gräben auf.

Die Volksschule Lehen 1 und 2, die mit 500 Kindern aus 27 Nationen größte Schule der Stadt, soll neu gebaut werden. Sie haben einen Beteiligungsprozess geleitet, der die Interessen aller Beteiligten erhoben hat. Was ist dabei herausgekommen? Sarah Untner:  Bei dieser Entwicklung eines Raum- und Funktionsprogramms haben wir nicht nur die Bedürfnisse der Lehrkräfte und Schüler erhoben, sondern alle Menschen, die sich im Schulgebäude aufhalten, eingeladen - also Hausmeister, Reinigungspersonal, Beratungslehrer, Schularzt, Eltern. Es war erstaunlich, festzustellen, wie viele Menschen einen Schulraum nutzen und welche unterschiedlichen Ansprüche es gibt. Mein Job dabei war, die richtigen Fragen zu stellen, damit der Architekt die richtigen räumlichen Antworten bekommt: Welche Synergien gibt es, welche Räume können wir weglassen, wie können wir dem Reinigungspersonal das Leben erleichtern und so weiter. Letzten Endes soll dadurch für die Nutzer Zufriedenheit und Identifikation mit dem Ort geschaffen werden und nicht zuletzt für Kinder, die daheim in oft beengtem Wohnraum leben, so etwas wie ein zweites Zuhause.

Wenn man Wohnprojekte hernimmt, sind die oft gut gedacht, aber manchmal auch an den Bedürfnissen der künftigen Bewohner vorbei geplant. Beispielsweise Gemeinschaftsräume, die als Fahrradkeller enden, weil sie niemand nutzt. Was sind Ihre Erfahrungen? Untner:  Die größte Schwierigkeit ist in der Tat, dass die Menschen, die in den Wohnanlagen einmal leben werden, im Planungsprozess nicht gefragt werden, was sie brauchen. Oder dass die Planer im Vorfeld zu wenig die Umgebung erkunden, wo etwas gebaut werden soll, um festzustellen, was dort funktioniert und was nicht. Meine Erfahrung ist aber auch, dass viele Wohnprojekte sehr gut durchgedacht sind, aber - oft aus Kostengründen - wenige Qualitäten davon übrig bleiben, weil jeder Quadratmeter in Geld bemessen ist.

Was sind Ihrer Erfahrung nach solche Kardinalfehler? Untner:  Spontan fallen mir Balkone ein mit Glasverkleidung, wo Architekten dann gerne beleidigt sind, wenn die Bewohner Sichtschutz aus dem Baumarkt anbringen, der nicht mit dem Gesamtbild zusammenpasst. Doch wenn der Balkon der einzige Freiraum ist, in dem man unbeobachtet abends ein Glas Wein trinken kann, ist so eine Aktion verständlich. Bei Gemeinschaftsräumen erlebe ich immer wieder, dass sie gebaut werden, weil es Pflicht ist, sich aber niemand um die Bespielung kümmert oder die Räume keine Küche oder Toilette haben und dadurch wenig funktional sind.

Im Dialog mit den Bürgern werden neue Wohnkonzepte entwickelt. SN/johanna leitner
Im Dialog mit den Bürgern werden neue Wohnkonzepte entwickelt.

Haben Ihrer Erfahrung nach Menschen in großen Wohnbauten überhaupt Interesse an einem gemeinschaftlichen Miteinander? Untner:  Das kann man so nicht generell beantworten. Grundsätzlich möchte jeder in einer guten, friedlichen Nachbarschaft leben, in der er sich sicher und zu Hause fühlt. Aber lassen Sie mich das am Beispiel des Gemeinschaftsraums festmachen: Dort braucht es, damit er von der Gemeinschaft genutzt wird, ein Nutzungskonzept, es braucht eine einfache Schlüsselübergabe, das alles muss niederschwellig passieren. Meiner Erfahrung nach benötigt es eher Räume, in denen Gemeinschaft erst entstehen kann. Manchmal ist es besser, Räume offen zu lassen und zu schauen, wer da einzieht und was die Menschen wollen. Wohnen dort Eltern mit Kindern, die Raum zum Spielen wollen, Jugendliche, die Rückzugsmöglichkeiten brauchen, oder ältere Menschen, die sich treffen wollen? Was oft funktioniert, sind Gemeinschaftsgärten. Wir sollten aber erst einmal fragen, was "die Gemeinschaft" überhaupt ist.

Was wäre die optimale Definition von Gemeinschaft für ein gutes Zusammenleben? Untner:  Das ändert sich, wie schon gesagt, mit dem Zweck der Nutzung. Im Idealfall ist Gemeinsinn beim Wohnen, dass ich mich mit der Wohnanlage identifiziere, dass ich dem Nachbarn helfe, wenn er anläutet und mich um etwas bittet. Es muss nicht sein, jeden Tag miteinander in einem Gemeinschaftsraum zu sitzen, aber wenn der Hut brennt, braucht es den Dialog. Ich betreue eine Wohnanlage, in der ich beispielsweise Stiegenhausgespräche organisiere. Bei offiziellen Versammlungen einer großen Wohnanlage äußern sich meist nur wenige laut, dabei hätten andere auch etwas zu sagen. Ich lade daher alle Bewohner eines einzigen Hauses ein, sich mit mir vor der Haustür zu treffen, da können sie mit Patschen kommen und über Dinge reden, die sie in der Nachbarschaft beschäftigen. Da erlebe ich immer wieder, dass Bewohner im selben Haus wohnen, sich aber gar nicht kennen! Der Tod einer jeden Hausgemeinschaft ist ja die Tiefgarage: Man fährt dort rein und direkt mit dem Lift in die Wohnung. Begegnungen an und vor der Haustür finden gar nicht mehr statt. Bei einem solchen Stiegenhausgespräch entstand zum Beispiel die Idee, den durch Vandalismus beschädigten Lift zu verschönern, mit Kinderzeichnungen. Da traut sich so schnell kein Vandale drüber.

Gibt es so etwas wie eine goldene Regel fürs Zusammenleben? Untner:  Eine Konsequenz der Individualisierung ist, dass viele Menschen Wohnen als Dienstleistung sehen und für alles, das damit verbunden ist, andere verantwortlich machen, den Bauträger, die Hausverwaltung etc. Gemeinschaft funktioniert aber nur dann, wenn jeder Einzelne erkennt, dass er seinen eigenen Teil zum Gelingen beitragen muss. Da genügt es beispielsweise, das Papierl am Boden selbst aufzuheben, statt sich bei der Hausverwaltung über Unordnung zu beschweren. Damit wird eine Dynamik ausgelöst, eine Identifikation mit dem Wohnraum, nicht nur innerhalb der Wohnung, sondern innerhalb der gesamten Anlage. Oder ein Beispiel ist das viele Werbematerial, das oft nicht entsorgt wird und sich auf den Postkästen stapelt. Das könnte man selbstverständlich in den Papiermüll geben oder Pickerl organisieren, damit das Werbematerial gar nicht im Postkasten landet. Hier sind auch die Hausverwaltungen gefordert, Vandalismusschäden oder Verschmutzungen rasch zu beheben oder dafür zu sorgen, dass zum Beispiel Einkaufswagerl gleich wegkommen. Sonst lädt es zur Nachahmung ein.

Was ist Ihre Erfahrung mit der kulturellen Durchmischung? Untner:  Wenn es Konflikte gibt, dann durch einzelne Menschen, meiner Erfahrung nach hat das nichts mit dem kulturellen Hintergrund zu tun. Wird eine Wohnanlage erstmalig belegt, kann man allerdings viel dazu beitragen, dass es eine gute Durchmischung gibt. Eine Wohnanlage sollte immer ein kleines Abbild der Gesellschaft sein.

Im Dialog mit den Bürgern werden neue Wohnkonzepte entwickelt. SN/johanna leitner
Im Dialog mit den Bürgern werden neue Wohnkonzepte entwickelt.

Was raten Sie, wenn in einer Hausgemeinschaft die Stimmung zu kippen droht? Untner:  Miteinander reden. Wenn etwas in der Luft liegt, ansprechen und nachfragen. Meiner Erfahrung nach ist das vielen gar nicht bewusst. Wir verlernen immer mehr, Dinge anzusprechen, die uns wichtig sind. Aus einem Harmoniebedürfnis heraus wird jeder Konflikt gleich negativ gesehen. Aber einfaches Nachfragen könnte Konflikte vermeiden und ist besser, als jemanden zu beschuldigen oder vielleicht sogar noch Allianzen gegen diese Person zu schmieden.

Sie unterstützen auch Gemeinden bei Zukunftsprozessen und Projekten zur Ortskernstärkung. Wie gehen Sie da vor? Untner:  Zunächst setze ich mich mit dem Ort auseinander, beschäftige mich mit der Gemeinde und den Menschen vor Ort und hinterfrage, in welche Richtung die Entwicklung gehen soll. Bei den Agenda-21-Prozessen geschieht das über niederschwellige Bürgerbeteiligungsprozesse über ein oder zwei Jahre, bei denen Erhaltungswürdiges diskutiert wird sowie Herausforderungen, Investorentätigkeiten oder Leerstände, die neu bespielt werden sollen. Wie das gelingen kann, lässt sich von außen nie sagen, das muss im Dialog mit den Menschen vor Ort passieren.

Kommt ein solches Vorgehen nicht einem Öffnen von Pandoras Büchse gleich? Quasi die Bürgerbefragung als ein einziges Wunschkonzert für alle? Untner:  Bei jeder Form von Bürgerbeteiligung ist es wichtig, den Gestaltungsspielraum klar zu kommunizieren. Man darf Menschen nicht einladen, Ideen für etwas zu sammeln, was nicht umsetzbar ist. Das führt zu Frust und nicht umsonst haben Bürgerbeteiligungen oft einen schlechten Ruf, weil dann eben nur ein unerfüllbares Wunschkonzert übrig bleibt. Es bringt auch nichts, Menschen mitentscheiden zu lassen, welche Wohnungen auf welcher grünen Wiese gebaut werden sollen. Aber man kann mit Menschen schauen, in welche Richtung sie sich und der Ort sich entwickeln könnte.

Wie lassen sich ausgestorbene Zentren wiederbeleben? Untner:  Geschäfte und Branchen, die weggezogen sind, kommen in der Regel nicht mehr ins Ortszentrum zurück, man muss alternative Bespielungsmöglichkeiten denken. Vielleicht bringt man junge Leute aufs Land, die kein Einfamilienhaus auf der grünen Wiese bauen, sondern eine Wohnung im Ortskern nehmen? Gemeinden in der Nähe von Ballungsräumen ziehen oft Kreative an, Menschen, die etwas Neues ausprobieren wollen. Im niederösterreichischen Gutenstein ist das der Fall, wo junge Menschen aus Wien das Dorfleben neu definieren. Doch dieser Impuls muss von den Menschen vor Ort kommen. Die größte Gefahr ist die, zu glauben, dass von außen Impulse gesetzt werden können.

Aufgerufen am 08.12.2021 um 02:35 auf https://immo.sn.at/immo-ratgeber/bauen-wohnen/gemeinsam-architektur-neu-denken-am-beispiel-des-schulneubaus-in-salzburg-lehen-112613353

Kommentare

Schlagzeilen