Bauen & Nachhaltigkeit

Baumaterial Lehm: nachhaltig, wiederverwertbar und klimaneutral

Lehm ist überall auffindbar und ein echter Allrounder. Stampflehmwände sind der bevorzugte Baustoff der Laufener Lehmbauarchitektin Anna Heringer.

Lehm ist der älteste Baustoff der Welt, Lehmbauten gab - und gibt - es in allen Epochen der Menschheitsgeschichte und in allen Erdteilen. Doch weil Lehmbauten fast immer mit Entwicklungsländern und Menschen aus unteren sozialen Schichten in Verbindung gebracht werden, ist der Baustoff Lehm stark stigmatisiert. "Er wird prominent ignoriert und das hat Auswirkungen auf die Menschen in gesundheitlicher, sozialer, ökologischer und auch wirtschaftlicher Hinsicht", sagt Anna Heringer. Die mittlerweile mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Architektin lebt und arbeitet im benachbarten Laufen, wo sie auch aufgewachsen ist.

Dabei ist Lehm überall vorhanden. "In jedem Bauaushub, egal ob für das Einfamilienhaus oder für eine U-Bahn, fällt enorm viel Erdreich an und kommt damit Lehm zutage - wenn auch in unterschiedlichen Zusammensetzungen", erklärt sie. Reiner Ton kommt in unseren Breiten kaum vor, eher ein Gemisch aus Steinen, Sand oder Schluff und als bindiges Material Ton. "So wie beim Beton der Zement als Kleber verwendet wird, ist es beim Stampflehm der Ton. Aber er funktioniert ähnlich, wird hart, ist sehr belastbar und stabil. Allerdings braucht es ein solides Fundament sowie ein gutes Dach. Lehm kann mit Wasser umgehen, aber Dauerfeuchte mag er nicht", betont sie.

Herstellung von Stampflehm

Wikipedia erklärt die Herstellung von Stampflehm-Bauteilen so: Schichten erdfeuchten Lehms werden zwischen eine druckfeste Schalung geschüttet und durch Treten, Bearbeiten mit Stampfgeräten oder durch maschinelles Stampfen verdichtet. Nach Fertigstellung kann sofort ausgeschalt werden, da es - anders als beim Beton - keine Abbindezeit gibt. Je nach Verwendungszweck und um einen höheren Wärmedämmwert oder bessere Stabilität zu erzielen, können Stroh, Holzwolle, Sägemehl oder Holzspäne beigemengt werden. "Gebäude mit fünf bis sechs Geschoßen sind auf jeden Fall möglich, aber auch höher, wenn Hybridbauweisen angewandt werden, etwa zusammen mit Holz", weiß die 43-Jährige und erzählt von einem ihrer Partner, Martin Rauch. Dieser betreibt in Vorarlberg eine Lehmfabrik, wo er Aushubmaterial zu Stampflehm verarbeitet und daraus Fertigteile herstellt. "Diese können dann wie übergroße Bauklötze direkt auf der Baustelle zusammengesetzt werden."

Lehmanwendungen

Die Anwendungsmöglichkeiten sind vielfältig, sie reichen vom Einsatz als simple Hauswand, als Wandverputz bis hin zum Veredeln bestehender Bausubstanz. An der Stelle von Gipskartonwänden lassen sich Lehmplatten, mit Schilf gepresst, bestens einsetzen; so hat es Anna Heringer selbst in ihrem Laufener Wohn-, Büro- und Geschäftshaus angewendet. Das historische Haus in der Innenstadt ist etwa 500 Jahre alt, den zuvor ungenutzten Dachboden hat sie mit etwa sechs Tonnen Lehm ausgebaut. "Es ist ja überall genug Bausubstanz vorhanden, man muss nicht immer alles neu bauen."

Lehm sorgt für ein gutes Raumklima

Überdies liefern Lehmbauten einen unschlagbaren Mehrwert: Sie sorgen für ein ausgeglichenes Innenraumklima. Weder ist es während der Heizperiode in der kalten Jahreszeit zu trocken, noch wird es zu feucht. Lehm ist hygroskopisch, nimmt also (Luft-)Feuchtigkeit auf und gibt sie wieder ab, und wirkt somit ebenso wie offenporiges Holz und andere natürliche Baustoffe regulierend auf das Raumklima. Lehm kann allergene oder anderweitig gesundheitsschädliche Stoffe aus der Raumluft absorbieren, er speichert Wärme und konserviert Holz. Feuchtigkeit zieht beim Lehm schnell ein und wird wieder schnell abgegeben. Allerdings reagiert er nicht gut auf Durchfeuchtung, Zug- oder Biegespannungen, aber auf Druck - noch ein Grund für die Kombination mit Holz.

Lehm lässt sich immer wieder recyceln

Unschlagbar ist Stampflehm im Hinblick auf seine Wiederverwertbarkeit. Er lässt sich ohne Qualitätsverlust immer wieder recyceln. "Man braucht ihn nur runterschlagen, mit Wasser vermengen und neu verwenden. Holz ist ebenfalls nachhaltig, aber es braucht Jahre zum Wachsen. Ganz zu schweigen vom Beton, der höchst energieintensiv hergestellt werden muss und bei der Wiederverwertung ordentlich an Qualität einbüßt", stellt sie klar. Besonders in Krisenzeiten sei es wichtig unabhängig zu sein - auch beim Baumaterial - und nicht auf den Weltmarkt samt den dort geltenden Preisen angewiesen zu sein. Lehm biete eine ausgezeichnete Gelegenheit dazu.

Erfoglreiche Bauprojekte mit Lehm

Nach der Matura hat Anna Heringer ein Jahr in Bangladesch zugebracht und studierte anschließend Architektur an der Kunstuniversität Linz. Ihre Abschlussarbeit war der Entwurf für einen Schulneubau in Rudrapur (Bangladesch) aus traditionellen Stoffen wie Bambus und Lehm. Ein Jahr später wurde das Projekt realisiert und brachte ihr internationale Architekturpreise ein. Inzwischen hat sie auf der Architekturbiennale in Venedig und im Museum of Modern Art in New York ausgestellt. Zuletzt wurde sie mit dem "Obel Award" ausgezeichnet und am 9. Dezember mit dem internationalen Preis für Frauen in Architektur in Paris. Bauprojekte hat sie mit ihren zwei fix angestellten Mitarbeitern unter anderem in China, Simbabwe, Ruanda und Ghana entwickelt und umgesetzt. In Vorarlberg entstand in Zusammenarbeit mit Martin Rauch, Anka Dür und Sabrina Summer ein Gebärraum zum Geburtstag des Frauenmuseums in Hittisau. "Wir hatten im Fokus, wie jemand körperlich auf Räume reagiert - immerhin geht es bei der Geburt um den bedeutendsten Akt der Menschheit." Mythologisches spielt ebenfalls herein. "Erde als Element, als Mutter Erde. Das tut doch der Seele gut, vor allem im urbanen Kontext, damit sie wieder spürbar wird." Wie groß das Bedürfnis der Menschen danach ist, hat sie zum Beispiel in Boston erlebt. "Dortiger Lehm ist eher grau, in der Verarbeitung schaut das dann wie Beton aus. Ich habe Menschen in diesem Bau beobachtet, sie haben andauernd mit der Hand über die Wände gestrichen."

So wird sie nicht müde, auf die Vorteile von Lehmbauweise hinzuweisen, vor allem um ein Bewusstsein zu schaffen. "Mit meinen architektonischen Akupunktur-Projekten versuche ich etwas freizusetzen. Lehm als Baustoff ist immer an Ort und Stelle, er braucht viele Hände zum Bearbeiten und die sind weltweit ja vorhanden. Ein wichtiger sozialer Aspekt, vor allem im Hinblick auf die steigende Weltbevölkerung."

Aufgerufen am 08.08.2022 um 12:20 auf https://immo.sn.at/immo-ratgeber/bauen-nachhaltigkeit/baumaterial-lehm-nachhaltig-wiederverwertbar-und-klimaneutral-97298386

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