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"Zukunft ist nicht die Heimarbeit"

Experten sehen Großraumbüros trotz Corona weiter auf dem Vormarsch. Künftige Büros müssten aber Multi-Space-Lösungen bieten, nicht bloß eine Aneinanderreihung von Schreibtischen.

Blick in die Zukunft: Büro der internationalen Wirtschaftskanzlei Linklaters in Hamburg.  SN/gleb polovnykov
Blick in die Zukunft: Büro der internationalen Wirtschaftskanzlei Linklaters in Hamburg.

Auch wenn in den Zeiten von Covid-19 durch Homeoffice und Mindestabstand viele Großraumbüros ausgedünnt waren und sind, sehen Experten diese Büroform weiter auf dem Vormarsch. "Die hohe Nachfrage nach Videokonferenzen verdeutlicht, dass gemeinsame Kommunikation und der Austausch im interdisziplinären Team im 21. Jahrhundert den Hebel für Wertschöpfung darstellen", erklärt Timo Brehme, Geschäftsführer des Münchner Bürokonzeptentwicklers CSMM. Großraumbüros bilden seiner Meinung nach aber nicht nur die Drehscheibe für Wissen und Kreativität - was teilweise auch virtuell umsetzbar wäre. "Zukunftsorientierte Bürokonzepte passen sich als Multi-Space-Lösungen flexibel an agile Arbeitsformen und sich verändernde Tätigkeiten an. Sie fördern als Möglichkeitsraum stets neue Prozesse, Erkenntnisse und Ergebnisse, indem der Büroraum selbst zum Medium für Möglichkeiten wird."

Unterschiedliche Arbeitsorte nach der Krise

Die aktuelle Situation werde den Wandel in der Bürolandschaft weiter beschleunigen. "Nach der Coronakrise wird der Blick auf die Bürowelt ein anderer sein", ist sich Brehme sicher. Die Zukunft liege nicht in der Heimarbeit, sondern wie bereits vor der Krise im steten Wechsel zwischen Arbeitsumgebungen. "Die Forschung zeigt, dass unterschiedliche Lern- und Arbeitsorte stimulierend auf das Gehirn und damit die Leistung wirken. Agile Unternehmen und Mitarbeiter nutzen dies, indem sie bestimmte Tätigkeiten an verschiedenen Orten vornehmen", erklärt Brehme.

Dafür muss das Büro verschiedene Arbeitsplatzszenarien anbieten und als Möglichkeitsraum neu gedacht und konzipiert werden. Ein Großraumbüro ist mehr als ein großer Raum, in dem Schreibtische und Mitarbeiter ohne Grenzen nebeneinander arbeiten. "Richtig geplant, ermöglicht es einerseits fokussiertes Arbeiten, andererseits ein kommunikatives Miteinander für bestimmte Tätigkeiten. Dafür braucht es spezielle Flächen, um sich zu treffen und zu sprechen, wie auch um nachzudenken und sich zu konzentrieren." Der Experte warnt deshalb davor, das Heil in einer Büroform zu suchen.

Das gilt vor allem dann, wenn diese falsch konzipiert ist. Beispiel Großraum: Das Entfernen von Wänden und Platzieren von schönen Möbeln reicht nicht aus. "Viele Büros wurden in den letzten Jahren zu Großraumbüros umfunktioniert. Dabei wurden aber eben genau diese groben Fehler gemacht, die zu viel Unzufriedenheit auf Arbeitnehmerseite geführt haben."

Durchdachte Bürolandschaften können mehr

Die aktuelle "Office Analytics"-Studie des Fraunhofer-Instituts zeigt, dass gute Arbeitsumgebungen sowohl die Motivation als auch die Leistungsbereitschaft von Mitarbeitern steigern. Laut Brehme müssen die Büros dafür jedoch von Anfang an richtig geplant und umgesetzt werden. "Ein Großraumbüro benötigt ein durchdachtes Konzept, das sich an den Arbeitsprozessen des einzelnen Unternehmens orientiert. Erst so kann sich der einzelne Mitarbeiter entfalten und so lassen sich die passenden Möglichkeiten für ein optimales Arbeiten finden", weiß der Experte: "Mit guter Planung ermöglicht es Kreativität, Kommunikation und Serendipität - eine Reihe von glücklichen Zufällen, den Hauptfaktoren für die zeitgenössische Zielsetzung Innovation."

Das Großraumbüro der Zukunft dient damit nicht nur als feste Adresse und ein Identifikationspunkt für Unternehmen und Mitarbeiter. Die weiterentwickelte Mischform als Multi-Space sei fester Bestandteil der gesamten neuen Arbeitswelt und gleichzeitig Katalysator in der Wertschöpfung.

Vonseiten der Personalberatung sind die Meinungen gegenüber der Frage Firmenbüro oder Homeoffice teils anders gelagert. "Derzeit werden die Maßnahmen zum Social Distancing allmählich gelockert und Angestellte können teilweise in ihr Büro zurückkehren. Das dürfte im Sinne vieler Arbeitnehmer sein, die nach langen Wochen im Homeoffice gern ihre Kollegen wiedersehen möchten", sagt Emine Yilmaz, Vice President Permanent Services bei Robert Half: "Momentan ist zwar die Sehnsucht nach dem Büro groß. Viele Arbeitnehmer aber wollen künftig häufiger von daheim aus arbeiten." Hinter diesem zwiegespaltenen Wunsch verbergen sich nach Ansicht der Expertin vermutlich mehrere Gründe. Viele Arbeitnehmer sorgen sich aufgrund der wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise um ihren Arbeitsplatz oder fürchten zumindest aufgrund von Kurzarbeit finanzielle Engpässe. "Die Rückkehr ins Büro und in den Normalbetrieb vermittelt den Mitarbeitern mehr Sicherheit", meint Yilmaz: "Andererseits haben viele Arbeitnehmer in den vergangenen Wochen aber die zeitliche Flexibilität und eine Zeitersparnis durch das Wegfallen des Arbeitswegs zu schätzen gelernt." Die Krise berge also die Chance, die Zukunft der Arbeit neu zu gestalten.

Aufgerufen am 04.07.2020 um 05:06 auf https://immo.sn.at/immo-ratgeber/aktuelles-trends/zukunft-ist-nicht-die-heimarbeit-88910812

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