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Großstadt adieu?

Zum Trend der Urbanisierung bildet sich gerade eine Gegenbewegung. Mietwohnung, Lärm und Verkehr drängen auch viele Wiener hinaus. Aber nur 14 Prozent wollen rasch weg.

Bereits im April 2020 überlegten viele Städter vermehrt aufs Land zu ziehen. Dieser Trend hat sich im Zuge des neuerlichen Lockdowns im November weiter verstärkt. Auch die finanziellen Sorgen rund um das Wohnen sind größer geworden. Das zeigt eine repräsentative Umfrage von Raiffeisen Immobilien. Bereits bei der ersten Befragungsrunde im April 2020 waren demnach rund drei Viertel der Österreicher der Meinung, dass es während der Krise besser sei, in einem ländlichen Gebiet zu leben. 33 Prozent jener Städter, die das Landleben in der Krise für vorteilhafter hielten, überlegten damals abzuwandern, neun Prozent hatten bereits ganz konkrete Pläne dafür. Der neuerliche Lockdown im Herbst hat nun die Absicht, der Stadt den Rücken zuzukehren, verstärkt: 41 Prozent spielen aktuell mit diesem Gedanken, zwölf Prozent haben bereits konkrete Übersiedlungspläne.

Immer mehr Wiener wollen auf's Land

Überdurchschnittlich stark gewachsen ist die Sehnsucht nach dem Landleben bei den Wienerinnen und Wienern. Waren im ersten Lockdown "nur" etwas mehr als die Hälfte (55 Prozent) der Hauptstädter von den Vorteilen der ländlichen Region überzeugt, so sind es mittlerweile bereits zwei Drittel (63 Prozent). Österreichweit ist die Zustimmung zur Frage, ob es sich in der Krise besser auf dem Land lebe, im Zeitvergleich April/November hingegen nur um zwei Prozentpunkte von 76 Prozent auf 78 Prozent gestiegen.

Vor allem Eltern und Best Ager zieht es ins Grüne. 84 Prozent der Befragten mit Kindern unter 14 Jahren meinen, dass es sich in der Krise besser auf dem Land lebe, ebenso 81 Prozent der Altersgruppe der 51- bis 65-Jährigen. "Der Megatrend heißt freilich Urbanisierung. Die Menschen kommen zur Ausbildung und zur Arbeit in die Städte", sagt Nikolaus Lallitsch, Sprecher von Raiffeisen Immobilien Österreich: "Das ist ungebrochen, aber wir bemerken eine Gegenströmung, eine Sehnsucht nach dem Landleben. Der Wunschort der Österreicherinnen und Österreicher ist das ,Glücksdorf'."

Relativ unverändert schätzen die Österreicherinnen und Österreicher die finanziellen Auswirkungen der Coronakrise auf die Bereiche Wohnen und Immobilien ein. Unverändert 18 Prozent haben Bedenken, für eine Immobilie in Zukunft keine Finanzierung zu erhalten, 17 Prozent sorgen sich, notwendige Renovierungsmaßnahmen nicht finanzieren zu können. Leicht auf 20 Prozent gestiegen ist dagegen der Anteil jener, die befürchten, Miete oder Kreditraten für Haus oder Wohnung nicht mehr aufbringen zu können.

Einen Wertverfall ihrer Immobilie befürchten mittlerweile elf Prozent, geringfügig mehr als im April. Hier beruhigen die Experten jedoch. Denn die Nachfrage nach Wohnimmobilien zeigte sich bisher von der Coronakrise wenig beeindruckt, Preiseinbrüche waren und sind folglich nicht zu verzeichnen, im Gegenteil. Gestützt von der guten Nachfrage und den niedrigen Kreditzinsen hat sich die Preissteigerung in den ersten drei Quartalen 2020 sogar beschleunigt. "In regionalen Hotspots ist auch weiterhin mit steigenden Immobilienpreisen zu rechnen, größere Sprünge dürfte es allerdings nur mehr in Regionen geben, in denen die Finanzierbarkeit noch nicht ausgereizt ist", ergänzt Peter Weinberger, ebenfalls Sprecher von Raiffeisen Immobilien Österreich: "Ob es im Falle einer tief greifenden Wirtschaftskrise zu einer Trendumkehr auf dem Immobilienmarkt kommt, wird allerdings erst die mittelfristige Zukunft zeigen."

„Wir bemerken eine Sehnsucht nach dem Landleben.“
Nikolaus Lallitsch, Raiffeisen Immobilien

Den Trend zur Stadtflucht, vor allem aus Wien, bestätigt auch eine Marketagent-Umfrage, das Leben auf dem Land lockt offenbar so manchen Wiener. Grundsätzlich erfüllt das Leben in Wien den Großteil seiner Bewohner mit Zufriedenheit. Drei Viertel wohnen gern hier, nur sieben Prozent würden der Bundeshauptstadt lieber den Rücken kehren. Was so manchen Wiener trotzdem gelegentlich vom Landleben träumen lässt? In erster Linie ist das der Wunsch nach weniger Verkehr und Lärm, dafür nach mehr Grün und Platz.

Wer in einer Millionenstadt wie Wien lebt, bewohnt mit großer Wahrscheinlichkeit eine Wohnung. So auch rund 85 Prozent der Wiener, bei sieben von zehn ist diese gemietet. Im Gegensatz dazu sind nur 13 Prozent der Wiener in einem eigenen Haus daheim. Da ergibt sich eine deutliche Schere zwischen Wunsch und Wirklichkeit, denn sechs von zehn würden ein Haus bevorzugen, knapp die Hälfte träumt davon, dieses auch selbst zu besitzen. Eine Mietwohnung bevorzugt hingegen nur jeder Fünfte.

Durchschnittlich leben die Befragten bereits seit rund 36 Jahren in Wien. Mehr als ein Drittel verbringt dort auch den gesamten Alltag und hat kaum die Chance, aus der Großstadt herauszukommen. Indes eröffnet sich mehr als jedem Zweiten einerseits durch Verwandtschaft, andererseits durch einen Zweitwohnsitz die Möglichkeit, regelmäßig Zeit außerhalb von Wien zu verbringen. Denn das Leben außerhalb bietet durchaus einige Vorteile, allen voran eine gewisse ländliche Idylle. Je zwei Drittel schätzen viel Natur in der Umgebung und die frische Luft, 63 Prozent genießen die Ruhe. Ein großes Plus am Landleben ist für sechs von zehn zudem ein eigener Garten und damit die Möglichkeit, eigenes Obst und Gemüse anzubauen. Mehr Platz gilt für jeden Zweiten als positiver Aspekt am Wohnen außerhalb von Wien, das reduzierte Verkehrsaufkommen für gut vier von zehn.

Traum und Wirklichkeit gehen auseinander

Tatsächlich aus Wien wegzuziehen stellt in naher Zukunft trotzdem für die wenigsten eine Option dar. Nur 14 Prozent planen dies in den nächsten drei Jahren. 60 Prozent sind hingegen überzeugt, auch weiterhin in der Bundeshauptstadt wohnen zu wollen. Je älter die Befragten sind, desto unwahrscheinlicher ist ein baldiger Umzug aufs Land. Mehr als drei Viertel der 60- bis 75-Jährigen verschwenden daran keinen Gedanken. Indes kann dies unter den 20- bis 29- bzw. 30- bis 39-Jährigen nur jeweils die Hälfte gänzlich ausschließen. Interessanterweise ziehen auch Personen mit einem Zweitwohnsitz außerhalb von Wien einen Wohnortwechsel in ein anderes Bundesland deutlich häufiger in Erwägung als jene ohne Zweitwohnsitz. Möglicherweise sind Erstgenannte bereits auf den Geschmack des Landlebens gekommen.

Wenn der Wunsch besteht, in den nächsten Jahren aus Wien wegzuziehen, hegen die Befragten diesen meist schon seit Längerem, 40 Prozent seit mittlerweile mehr als drei Jahren. Oftmals streben die Wiener dabei nach einem völligen Kontrast zu ihrer aktuellen Wohnsituation. Es gilt: je kleiner, desto besser. Die bevorzugte Wohnregion bei einem Umzug wäre für jeden Zweiten eine ländliche Gemeinde mit bis zu 5000 Einwohnern. Knapp ein Viertel würde eine Kleinstadt wählen und 16 Prozent eine Stadt mittlerer Größe. Nur für gut jeden Zehnten wäre eine Großstadt mit mehr als 50.000 Einwohnern bei einem Wohnortwechsel die Region der Wahl.

Aufgerufen am 18.01.2021 um 12:32 auf https://immo.sn.at/immo-ratgeber/aktuelles-trends/grossstadt-adieu-97882801

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