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Einkaufsstraßen wandeln ihr Gesicht

Der Onlinesektor mietet verstärkt Geschäftslokale. Veränderungen, die sonst Jahre gebraucht hätten, gehen rasch vor sich.

Die Geschäftsstrukturen im Einzelhandel ändern sich. SN/bernhard schreglmann
Die Geschäftsstrukturen im Einzelhandel ändern sich.

Die Vermietungsaktivitäten auf dem österreichischen Markt für Einzelhandelsimmobilien haben ihre Schwächephase überwunden und mittlerweile ein überdurchschnittlich hohes Niveau erreicht. Die Nachfrage nach pandemiebedingt frei gewordenen Flächen an guten Standorten ist ausgesprochen stark und in überdurchschnittlichen Lagen kommt es daher auch bereits wieder zu deutlichen Rückgängen bei den Leerstandsraten.

Chancen für neue Konzepte durch Corona

Der Geschäftsflächenbericht 2021/22 von EHL Immobilien zeigt, dass dadurch auch der Strukturwandel in den österreichischen Einkaufsstraßen und Einkaufszentren beschleunigt wird. "Handel ist bekanntlich immer Wandel, aber so rasch wie zurzeit gerade sind Veränderungen noch selten erfolgt", erklärt Mario Schwaiger, Einzelhandelsspezialist bei der EHL Gewerbeimmobilien GmbH. "Corona hat Chancen für neue Konzepte eröffnet, die sonst vielleicht noch jahrelang nach erstklassigen Standorten hätten suchen müssen. Die rasche wirtschaftliche Erholung und der damit verbundene Optimismus haben dafür gesorgt, dass diese Chancen nun auch tatsächlich genutzt werden."

Neue Segmente legen zu

Während traditionell wichtige Branchen wie insbesondere Textil oder Schuhe ihre Filialnetze weiterhin eher ausdünnen und auch die durchschnittliche Fläche pro Filiale sinkt, legen neue Segmente deutlich zu. Besonders auffällig ist der Flächenbedarf im Onlinesektor. Onlinesupermärkte wie JOKR oder mjam benötigen konsumentennahe Auslieferungsstandorte, um rasche Zustellungen sicherzustellen. Erfolgreiche Onlinehändler mieten deshalb Flächen an prestigeträchtigen Topstandorten an, wobei diese Flagship-Stores primär der Schärfung des Markenprofils und der Präsentation von Produkten dienen, der eigentliche Verkauf findet weiter im Netz statt.

Gastronomie: Standorte in Stadterweiterungsgebieten gesucht

Ebenfalls sehr aktiv ist in Österreich die Gastronomie. Die Nachfrage konzentriert sich dabei auf die etablierten Ausgeh- und Freizeitbereiche wie etwa in Wien innerhalb des Gürtels, wobei vereinzelt auch absolute Spitzenstandorte wie etwa am Graben angemietet werden. Zunehmend werden aber auch Standorte in Stadterweiterungsgebieten mit stark wachsender Einwohnerzahl gesucht. Dort ist die Konkurrenzsituation meistens weniger angespannt als im Zentrum, zudem werden teilweise deutlich niedrigere Quadratmetermieten verlangt.

Hohes Ausmaß an Newcomern

Bemerkenswert ist laut Bericht, in welch hohem Ausmaß Newcomer an den Start gehen: "Es herrscht echte Aufbruchsstimmung", sagt Schwaiger. "Es gibt zahlreiche Markteintritte innovativer internationaler Konzepte wie etwa Huawei, Maisons du Monde oder Teufel. Auch österreichische Unternehmen suchen verstärkt nach Möglichkeiten, in andere Städte zu expandieren." Insgesamt führt das dazu, dass das Bild der heimischen Einkaufsstraßen und Einkaufszentren bunter wird: ein breiterer Branchenmix, mehr Gastronomie, mehr Dienstleistung und wegen der sinkenden Filialgröße auch mehr Geschäftslokale. Schwaiger: "Dieser Trend macht den klassischen Einkaufsbummel wieder attraktiver und trägt dazu bei, dass der ortsgebundene Einzelhandel keine Sorge haben muss, mit der Onlinekonkurrenz nicht mithalten zu können."

Einzelhandelsfläche schrumpft

Wenig Bewegung gibt es hingegen auf der Angebotsseite. Auch 2021 wurden nur in sehr geringem Maß neue Einzelhandelsflächen fertiggestellt, hauptsächlich im Rahmen gemischt genutzter Objekte, etwa in Erdgeschoßzonen von Wohnanlagen. Gleichzeitig werden kontinuierlich schlecht performende Flächen aus dem Markt genommen, sodass die gesamte österreichische Einzelhandelsfläche heuer voraussichtlich um rund ein bis 1,5 Prozent zurückgehen wird, erwartet der Experte.

Investorenmarkt sehr unterschiedlich

Auf dem Investorenmarkt zeigt sich im dritten Quartal kein einheitliches Bild. Das Einzelhandelssegment (zirka zwölf Prozent Marktanteil) ist stark differenziert zu betrachten und zeigt laut EHL-Experten eine hohe investorenseitige Nachfrage und entsprechende Transaktionen im Nahversorgungsbereich, allerdings eine weitgehende Zurückhaltung der Investoren bei Shoppingcentern und im textil- und schuhorientierten Highstreet-Segment, da diese stark mit Umsatzrückgängen aufgrund des zunehmenden Onlinehandels zu kämpfen haben.

Auch bei Hotels und im gewerblichen Wohnsegment, die in besonderem Ausmaß unter der Pandemie gelitten haben, ist die Nachfrage derzeit noch sehr verhalten, sodass im dritten Quartal lediglich etwa acht Prozent des Transaktionsvolumens auf diese Assetklassen entfielen.

Aufgerufen am 04.12.2021 um 03:26 auf https://immo.sn.at/immo-ratgeber/aktuelles-trends/einkaufsstrassen-wandeln-ihr-gesicht-112879498

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